Wenn ich einen Wunsch frei hätte...

Mensch was würden wir uns alles wünschen. Jeder von uns hat kleine und große Wünsche. Aber was wäre, wenn man genau einen Wunsch frei hätte? Aber ich will anders anfangen.


Gestern Abend saß ich weinend vor meinem Mann. Vorher hatten wir vier Stunden geredet. Diskutiert. Geplant. Es war ein gutes Gespräch. Wir waren in unserer Blase. Es ging um unseren Alltag. Die Zukunft. Dinge, die bei Euch da draußen auch Thema sind. Jeder hat so seine Wünsche. Jeder seine Dämonen. Ängste, die uns immer wieder im Kopf rumspuken. Und dann sieht man nicht "die Anderen". Keiner kommt auf die Idee zunächst mal inne zu halten. Dankbar zu sein, für all das Gute in unserem Leben. 

Der Mensch als größter Egoist.

Wir brauchen immer wieder schreckliche Ereignisse. Die volle Breitseite an Schicksalsschlägen, um zu reflektieren. Das Leid Anderer mit solcher Brutalität vorgehalten zu bekommen, um uns selbst zurechtzurücken. Das hat mich gestern traurig gemacht. In Till's Spiegel zu blicken und zu erkennen: "Mensch, einen Scheiß hast du kapiert." Wieviel müssen noch zu früh gehen. Wie oft muss ich noch an dieser Unfairness verzweifeln, bis es endlich langanhaltend, ja lebensverändernd, klick macht. Wieso ist dieser Schock mit so hohem Preis und die resultierende Erkenntnis so kurzlebig. Ist das der Grund dafür, dass mir bisher niemand sagen konnte, wie Gott das zulassen kann. Wo ist mein Gott, wenn Kinder sterben. Wo ist er, wenn ganze Familien auseinandergerissen werden. Wenn Kriege und Hunger wüten.

Immer wieder habe ich diese Frage gestellt. Jedes Mal blieb die Antwort aus. Passiert das vielleicht alles, weil wir anderen nichts daraus lernen. Weder im Großen noch im Kleinen. Wir stumpfen ab, sehen die Tagesschau ohne Emotionen, um uns dann im gleichen Atemzug über eine banale Sache zu ärgern. Dieses Stumpfheit ist so unter unserer Haut gekrochen, dass immer Schlimmeres, immer Näher bei uns geschehen muss, um unsere Aufmerksamkeit zu verdienen. Erst dann rücken wir wieder für eine kurze Zeit zusammen und erkennen, um was es im Leben eigentlich wirklich geht. Erst dann beten wir Menschen wieder. Erst dann lassen wir Alltag Alltag sein. Sind dankbar und demütig. Nur um direkt kurze Zeit später wieder all das vergessen zu haben. Dann fährt der Nachbar ein neues Auto und wir wollen das auch. Wir brauchen es nicht. Wir könnten zufrieden sein, denn unseres fährt doch. Aber wir wollen mehr. Wir regen uns auf über Nichtigkeiten,suhlen uns im Zwist und fahren immer mehr Runden auf dem Gedankenkarussell. Immer länger, immer schneller. Und wenn wir gerade wieder so drin sind und von sinnlosen, unbegründeten Ängsten, geschaffen durch Tristess und Langeweile, vollkommen in Beschlag genommen werden. Dann plötzlich kracht es und einer geht. 


Und als hätte sich der Schleier gelegt,erkennen wir für wenige Momente wieder klar. Wieso musste dieser Mensch gehen. Wie sinnlos und unfair das alles scheint. 

Wie dankbar ich für mein Leben, meine Familie, meine Gesundheit sein kann. Und fast scheint es so, als wäre die Hoffnung gerechtfertigt. Fast könnte man meinen der Tod dieses Menschen, der Schicksalsschlag für die Nachbarn, die Krankheit eines Bekannten, hätte in all dieser dunklen Sinnlosigleit, doch etwas bewirkt. 

Eine so wichtige Erkenntnis.


Was dann passiert, nennt man wohl Leben. Es geht weiter. Und umso weiter das Unglück von mir persönlich entfernt war, desto schneller komme ich wieder in den Sattel. Den Sattel des Reitschulpferdes auf meinem Gedankenkarussell.

Was bleibt von all der Dankbarkeit und Demut? Was wurde aus meiner Erkenntnis.

 

Nichts. Absolute Stille bis es wieder kracht.


Das also würde ich mir wünschen, wenn ich einen Wunsch frei hätte. Dass das Leid des Anderen nicht umsonst war. Dass wir daraus lernen. Dass wir Menschen endlich daraus lernen. 




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Kommentare: 20
  • #1

    Ute (Freitag, 03 November 2017 15:00)

    Wow. Du hast da in Worte gefasst was ich in meinen Gedanken oft nicht mal ordnen kann.

  • #2

    Nadine (Freitag, 03 November 2017 15:16)

    Das ist ein schöner Wunsch. So oft wünsche ich mir, dass ich mein Umfeld nur eine Sekunde lang meinen Schmerz, meine Trauer, mein Leid spüren lassen könnte. Einfach um Verständnis zu bekommen...wieso ich manchmal so bin, wie ich bin. Und damit wertgeschätzt wird, was jeder einzelne von ihnen für ein Glück hat.

  • #3

    Joanna (Freitag, 03 November 2017 15:40)

    Du hast so Recht. Und selbst wenn uns selbst dieser Schicksalsschlag betrifft regen wir uns früher oder später wieder über Nichtigkeiten auf. So ist er wohl, der Mensch. Bis ihn jemand oder etwas wieder daran erinnert. Sehr bewegender Text.

  • #4

    Ines Jana (Freitag, 03 November 2017 15:46)

    Gerade jetzt, wo meine über alles geliebte Tochter Ihren Papa nach einem Unfall mit Mitte 50 beerdigen muss, ist uns das wieder so klar geworden. Ich hoffe sehr, dass nach Geschäftigkeit und tiefer Trauer auch bei uns die Erkenntnis bleibt, unser Leben und die Lieben wertzuschätzen. Danke für Deine Worte und uns selbst wünsche ich sehr viel Kraft.
    Fall es Dich interessiert, wie meine Tochter damit umgeht, würde ich mich freuen, Du liest mal den letzten Post auf Ihrem Blog ( Fashionsandrina ) . Dann kannst Du erahnen, wie es uns Allen und auch mir, das Herz zerreißt. Liebe Grüße Ines

  • #5

    Verena (Freitag, 03 November 2017 15:52)

    Wahnsinnig beeindruckende, starke Worte Massa! Ich fühle zu 100% mit dir und versuche jeden Tag daran zu arbeiten! "Immerhin versuchst du es...!" Reicht das? Nein, eigentlich nicht! Weiß ich! Und wenn ich wieder da stehe und "mein Leben doch einfach kacke ist", weil mir morgens die Milch ausgeht, das Toastbrot auf die Marmeladenseite fällt und dann auch noch über den Tag mein Akku alle geht oder Abends das Internet hängt, ja, dann kann man sich doch eigentlich auch die Kugel geben oder? Ist doch kein Leben ohne drei Fernreisen im Jahr, ohne neue Klamotten einmal im Monat ohne das neueste Telefon...!? Ich schäme mich sehr oft, wenn ich diesen Spiegel vor die Nase bekomme... Sehr oft! Ich kann nur versuchen, jeden Tag besser zu sein als am Tag davor! Jeden Tag dankbarer zu sein, als am Tag davor! Ich hoffe, dass es mir eines Tages gelingt und wünsche dir das Selbe!❤️

    Verena

  • #6

    Mommyofprincenoah (Freitag, 03 November 2017 16:27)

    Sehr schön geschrieben wirklich ! Es ist so : erst wenn den Menschen was schlechtes passiert , denen etwas passiert was sie nicht erwartet haben dann fragen Sie Gott wie kannst du sowas zu lassen ?! Aber das Gott Ihnen ein Dach über den Kopf geschenkt hat , eine gesunde Familie,täglich was zu essen ,Wohlstand ,ein Auto , die finanziellen Möglichkeiten was mit seiner famile zu unternehmen,sauberes Wasser , freuende usw , daran denken die Leute nicht !! Gott ist denen bis zu diesem Zeitpunkt egal !! Er ist nichts !! Warum fragen sie dann noch Gott wenn es Ihnen schlecht geht ? Es wäre mit einer Freundschaft zu Vergleich die man ausnutzt,also sich nur dann melden wenn es einem schlecht geht !!! UND DIE LEUTE DIE IHR GANZES LEBEN IN GOTTES HAND LEGEN WISSEN ER WIRD ES ZZM BESTEN FÜHREN , es wird nicht einfach sein diese schwere Zeit durchzustehen (ich hab früh mein Papa und mein Bruder verloren) aber wir wissen das Gott es zum besten führt, das sein der beste ist auch wenn wir ihn nicht verstehen �

  • #7

    Saskia (Freitag, 03 November 2017 16:29)

    So ist es wohl bei vielen Menschen. Doch erleben wir dich doch häufig dankbar! Natürlich ist unser Alltag riesig, er überschattet schnell die Dinge, die so weit weg scheinen. Das ist aber nur natürlich. Trotzdem habe ich bei dir oft das Gefühl, du vergisst nicht, was alles passiert. Unterbewusst scheint es immer da zu sein, man liest es heraus. Merkst du es denn selber nicht?
    Ich ärgere mich auch so so oft über meinen Alltag, über die Kinder, die Arbeitszeiten meines Mannes... aber am Ende des Tages bin ich immer glücklich, dass ich ihn habe und, dass meine beiden Kinder gesund sind... manchmal, nein sogar oft frage ich mich, wann es wohl uns erwischt.. der Schicksalsschlag, der unsere Welt aus den Fugen reißt... letztes Jahr passierte das schon einmal, als meine Mutter starb... ich warte jeden Tag wieder darauf, weil so viel passiert...

  • #8

    Massa (Freitag, 03 November 2017 16:40)

    Liebe Saskia, ich weiß was du meinst. Und klar. Es ist mir Bewusst, weil auch Schicksalsschläge mir nicht fremd sind. Ich weiß wie oft das Leben schön ist. Und wie oft einfach unfair. Und doch vergesse ich diese Dankbarkeit immer wieder. Ärgere mich über nonsens und dann schäm ich mich danach. All diese Emotionen verarbeite ich hier. Das macht es für mich aus. Die Sache mit dem Bloggen. Schönen Abend Dir :-*

  • #9

    leas_mama_30 (Freitag, 03 November 2017 18:09)

    Oh Massa, ein sehr berührende Text. Es ist so wahr. Ich selbst habe in den letzten Wochen gelernt, das ich dankbarer für alles sein muss was ich habe und nicht darüber nachdenken sollte was ich gerne hätte. Danke für diesen tollen Beitrag. ❤

  • #10

    Mango (Freitag, 03 November 2017 18:59)

    Ich denken da direkt an Tammi❤️ Ganz toll geschrieben,genau auf den Punkt getroffen!

  • #11

    jstnhndlr (Freitag, 03 November 2017 23:48)

    Pure Gänsehaut.

  • #12

    Barbara (Samstag, 04 November 2017 12:56)

    Danke, für diesen wunderbaren Text! ❤️

  • #13

    Marie (Samstag, 04 November 2017 19:40)

    Ich bewundere deine Eloquenz! Die für so viel Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit! ❤️

  • #14

    dalali9806 (Samstag, 04 November 2017 20:54)

    Dein Text ist so schön und er berührt mich ungemein! Wie oft habe ich den ein oder anderen Gedanken schon gedacht � Wir sollten öfter innehalten und „sehen“ bzw. wahrnehmen wie gut es uns geht...im alltäglichen Wahnsinn ❤️Danke!

  • #15

    Tanja (Samstag, 04 November 2017 21:29)

    Ja! Genau das wünsche ich mir auch! Aber wie schaffen wir das? Selbst wenn ich mir am Tag noch denke, dass ich zufrieden bin, ertappe ich mich am
    Abend wie mich doch wieder ein Püpslein aufregt �
    Auf jeden Fall:Sehr schön geschrieben liebe Massa!

  • #16

    Edith (Samstag, 04 November 2017 23:56)

    Liebe Irina, ich finde es so toll wie du dich selbst reflektierst und dann auch noch die richtigen Worte dazu findest und schreibst. Mitten ins schwarze! Mich haben ganz besonders die letzten 3 Jahre gelehrt, die Schönheit im Alltag zu sehen. Und das JETZT zu feiern, anzunehmen. Meditation hat mir besonders in den Wochen und Tagen geholfen an denen es mir psychisch und physisch schlecht ging. Und Ich habe persönlich Gottes unendliche Liebe und kraft kennengelernt. Dadurch wurden alle Wieso und weshalb und warum beseitigt. Deshalb war diese Zeit eine grosse persönliche bereicherung, durch die ich nicht mehr gehen möchte aber die ich nie mehr missen möchte. Ich bin so dankbar für alles was ich habe, für mein leben. "...aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden." (Jesaja 40,31) Alles Liebe! ♡

  • #17

    Juli (Dienstag, 07 November 2017 14:50)

    Hey Massa, besser könnte man es nicht formulieren. Damit bist du nicht allein. Aber die Egos das Ich jeweils steht einem im Weg...glaube ich. Sein Ego in Demut zurücknehmen gelingt den Wenigsten auf Dauer. Oft auch wieder aus Eigennutz. Wer ist der "gutste/beste" Gutmensch da draußen. Ich denke auch wer nur nach außen lebt stirbt irgendwann innerlich - ganz leer.
    Und das was die Welt im Innersten zusammenhält ist die Liebe. Klingt schmalzig, zu faustig und überhaupt. Aber wenn Liebe auch für Annahme, Anerkennung, Wertschätzung und Empathie steht...dann ist es wohl so.

    Stehe gerade selbst an einem Punkt der mir den Spiegel vor hält...mich zurück und vor allem vorausschauen lässt und mich einfach mal zwingt alles zu überdenken. Was will ich wirklich in meinem Leben...noch, nicht mehr, dazu, neues und überhaupt!
    Alles Liebe (mucho) :-*
    Juli

  • #18

    Deine Antwort (Donnerstag, 09 November 2017 09:28)

    Die Antwort ist ganz simpel: ES.GIBT.KEINEN.GOTT.

    Bitte.

  • #19

    Bettina (Montag, 13 November 2017 08:36)

    Ich habe mein Berufsleben komplett geändert nachdem meine Freundin vor 3 Jahren an Krebs gestorben ist. Einschneidend, schrecklich, ich war nah dran an ihr, ihrer Story, ihrer Krankheit. Sie fehlt mir heute noch jeden Tag. Mein Gedenken an Sie, ich lebe bewusster! Überlege was wirklich wichtig ist. Ein Weggang ihrerseits, eine Chance für mich gesunder zu leben, zu sein. Die ich genutzt habe und nutze. Wo immer sie auch ist, ich hoffe ihr gefällt meine Entwicklung.

  • #20

    Bettina (Montag, 13 November 2017 08:39)

    p.s. Ich glaube nach wie vor an Gott. Bete wann immer mir danach ist. Ich habe gehadert mit ihm, so unfair, so früh, warum Sie. Aber Gott ist nach wie vor meine Feste, wenn alles wankt, ziehe ich mich zurück, irgendwo an den See und rede mit IHM. lg