Geburtsbericht der lieben Isabell @familie.gepunkt

Alles begann im Jahr 1995, als ich sechs Jahre alt war. Meine Einschulung lag gerade ein paar Tage zurück und sehr plötzlich bekam ich Fieber. Ich war schlapp, musste mich alle paar Meter hinsetzen und hatte eine intensive Rötung der Mundschleim- und Rachenhaut. Ich klagte über starke Bauchschmerzen und musste erbrechen, aber woher kamen die Symptome? Insgesamt hielten diese mehr als 5 Tage an.  Während dieser Zeit gingen meine Eltern mit mir zu meinem Kinderarzt. „Sie können ihre Tochter nicht wieder mitnehmen, sie hat schlimme Herzgeräusche…“ und noch an diesem Tag, keine 2 Stunden später wurde ich im Krankenhaus aus den sicheren Armen meiner Mama gerissen. Ich musste sofort behandelt werden. 

Ich hatte das Kawasaki-Syndrom.

Durch zu späte Erkenntnis traten Komplikationen auf. Die Folge: Entzündung meiner Herzkranzgefäße mit Aneurysmabildung und wochenlangem Aufenthalt im Krankenhaus.

Das Kawasaki-Syndrom oder mukokutanes Lymphknotensyndrom (MCLS) ist eine Gefäßerkrankung der Arterien. Dazu gehören Entzündungen in vielen Organen. Es erkranken pro Jahr etwa 9 von 100.000 Kindern! 75% aller betroffenen Kinder sind jünger als 5 Jahre. Damals (es ist immerhin schon 22 Jahre her) war die Therapie dieser Krankheit noch nicht ausgereift. Mehr oder weniger war ich da wohl ein „Testobjekt“. Die ersten  Tage bekam ich Kortison, wobei es derzeit noch erforscht wird, ob dieses Medikament wirklich hilft. Dann wurde ich in die Kinderklinik verfrachtet, in der ich Blutverdünner bekam. Heute wird mit Immunglobulinen therapiert.

Dass mich diese Diagnose von damals, mein ganzes Leben begleitet und für die Geburt meines Kindes nicht ganz uninteressant ist, hätte ich niemals vermutet. Patienten sind ein Leben lang kardiologisch in Behandlung. So auch ich. Ich gehe immer in die Uniklinik, wobei man da natürlich alle 2 Jahre an einen anderen Arzt „gerät“. Der eine kennt die Krankheit gar nicht, der nächste tut es als Kleinigkeit ab, dass meine Herzklappen eben nicht mehr richtig funktionieren und wieder ein anderer, nämlich eine tolle junge Assistenzärztin, nimmt sich sehr lange Zeit und sagt mir zwei Wochen vor Entbindungstermin, Anfang Februar 2016, dass es sich doch um eine Gefäßerkrankung handelt und warum ich noch nie von einem Angiologen untersucht wurde – wenn sich in den Jahren ein weiteres Aneurysma in meinem Körper gebildet hat, könnte es bei der Geburt platzen und ich wäre in Lebensgefahr. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich als Hochschwangere neben Schweißausbrüchen auch Bäche aus Tränen hätte füllen können. Meine ersten Gedanken: Ich werde mein Kind nie zu Gesicht bekommen, es wächst ohne Mama auf, wir wollten doch eine kleine Familie sein.

Den nächstbesten Termin hatte ich beim Angiologen. Lediglich meine Arterien im Hals-/ Brustbereich konnte dieser zu dem Zeitpunkt meiner vorangeschrittenen Schwangerschaft noch kontrollieren. Er hat mich sehr gut aufgeklärt (das hätte ich mir vorher gewünscht), allerdings hat er mich dadurch auch in Panik versetzt. Er riet mir, nicht wie geplant im St. Marienstift spontan, sondern in der Uniklinik per Kaiserschnitt zu entbinden. Dabei war es immer mein Wunsch gewesen, spontan zu entbinden. Der größte Schreck war nach einigen Telefonaten der Ärzte untereinander und Beratungsgesprächen in den genannten Kliniken verflogen. Auch meine Beleghebamme, die mich bei der Geburt unterstützte, hat mir meine Angst genommen. Die Oberärztin der Klinik für Geburtshilfe in meiner Wunschklinik, hatte „nichts dagegen“, dass ich dort entbinde.

Der schönste Tag meines Lebens näherte sich und mit ihm verschwanden meine Ängste und ich war einfach nur noch neugierig meinen Untermieter kennen zu lernen. Am 22.02.2016 war errechneter Entbindungstermin. In der Nacht von 16. zum 17.02. hatte ich das erste Mal Wehen. Alle 10 Minuten. Ich habe meinen Freund schlafen lassen. Wie meine Hebamme uns sehr weise im Geburtsvorbereitungskurs erklärte, die Männer nicht sofort beim ersten Ziepen zu wecken, denn diese brauchen ja auch genug Kraft für die wirklich „wichtigen“ Stunden der Geburt. Um 6 Uhr klingelte sein Wecker und ich erklärte ihm dann, dass es los geht und er nicht zur Arbeit fahren müsse. Der restliche Tag verlief ganz unspektakulär und auch eine warme Wanne am Abend erzielte keine Erfolge.  Dennoch war ich froh René an meiner Seite gehabt zu haben, einige Wehen waren zum „wegatmen“ gemacht. In der nächsten Nacht, geschlafen haben wir nicht, tat sich schon mehr. Die Abstände wurden nicht kürzer, aber die Schmerzen größer. Nach einer Weile kamen mir diese seitlichen Schmerzen aber doch komisch vor und ich rief meine Hebamme an. Ich erklärte ihr ganz genau wie es wo weh tut und sie verwies mich erstmal ins Marienstift. Also packten wir unsere sieben Sachen (auch die „Kliniktasche“) und machten uns halb 3 auf den Weg. Donnerstag, den 18.02., früh gegen 6 Uhr verließen wir sehr müde die Klinik, mit der Diagnose, Nierenstau. Na toll. Auch das noch. Mit einem Antibiotikum sollte erstmal diese Baustelle behoben werden, bevor die Geburt ansteht. Dann hatte ich am Abend um 18 Uhr den nächsten Termin. Irgendwie bekamen wir die zwischenzeitlichen Stunden allein geregelt. Doch den Termin um 18 Uhr konnten wir nicht pünktlich wahrnehmen. Denn zu diesem Zeitpunkt verabschiedete sich etappenweise mein Fruchtwasser. Ich lief also zwischen Dusche und Toilette hin und her. Das schon Monate vorher organisierte Nässeschutzlaken für unsere Matratze kam also nie zum Einsatz. :-P Wir fuhren gegen 19 Uhr los. Ich mit 3 ! dicken Handtüchern unterm Arsch, denn die volle Ladung sollte ja noch kommen. Angekommen ertastete eine Hebamme meinen Gebärmuttermund auf ungefähr 6 cm und rief dann meine Beleghebamme an. Keine 10min nachdem in mir „rumgestochert“ wurde, platzte meine Fruchtblase endgültig. Ich lag also da im CTG-Raum auf der Pritsche, mit lediglich heruntergelassener Hose, im Fruchtwasser. Wozu hab ich eigentlich geduscht. Als meine Hebamme in der Klinik eintraf, zogen wir gleich in den Kreissaal um. Bis ca. 1 Uhr, am Freitag den 19.02., lagen die Wehenabstände bei 5 Minuten, dennoch tat sich nichts. Wie soll es anders sein, Glück hatte ich schon immer im Leben *joke* meine Hebamme war bereits 18 Stunden im Dienst und brauchte eine Pause. Sie schlug vor, mich entweder an den Wehentropf zu hängen und „durchzuziehen“, oder mir Schmerzmittel zu geben, damit sie, mein Freund und ich schlafen könnten um dann in 4-5 Stunden unseren Sohn auf die Welt zu bringen. Ich entschied mich fürs Schlafen, davon hatten wir ja seit 2 Tagen nicht mehr viel. Ratet mal wie viel ich geschlafen habe? Richtig – gar nicht. Denn bevor sich mein Freund hinlegen konnte, verging noch eine Stunde, das sogenannte Schmerzmittel schlug nicht an, in diesem Moment konnte ich einfach nicht allein sein und brauchte ihn. Dann ließ ich ihn schlafen gehen. Jedoch ging es dann mit den Wehen erst richtig los. Das Schmerzmittel bewirkte, dass ich alles im Delirium mitbekam. Ich musste also alle paar Minuten nach einer Hebamme klingeln. Auch die Herztöne vom Baby wurden überwacht und so klingelte also im Wechsel alle paar Minuten das CTG Gerät und ich nach Unterstützung. Gegen 7 Uhr früh verließen mich meine Kräfte und ich wollte, dass mein Freund angerufen wird, damit er wieder zu mir kommt. Kurz nachdem er bei mir war trudelte auch meine Beleghebamme wieder ein. Es sollte nun einen Wehentropf geben und dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Ich wollte doch nun endlich mein Herz in den Armen halten. Die Wehenabstände wurden schlagartig geringer und in jedem dieser schlief ich. Sammelte die letzten Kräfte und unerwartet ging es auf einmal ganz schnell. Ich kann mich noch sehr genau an das Gefühl der ersten Presswehe erinnern. Ich machte große Augen und sagte zum ersten Mal: „JETZT habe ich Angst.“ Es war ein komisches Gefühl, so beengt. Meine Hebamme lächelte sanft und meinte „Er ist jetzt ins Becken gerutscht, hui, das geht jetzt aber schnell.“ Sie ging zum Telefon und rief die Oberärztin an, sie solle sich bereithalten, gleich steht eine Geburt an. Noch lag ich auf der Seite, aber als die Presswehen immer häufiger kamen, wechselte ich doch in eine sitzende Position. Mittlerweile war auch die Oberärztin eingetroffen. Sie verbreitete etwas Unruhe. Die Wehenabstände wurden wieder länger, 5min, 8min. Ihr ging es nicht schnell genug, „das Bürschlein sollte sich langsam auf den Weg machen“, die Herztöne fielen ab.  Auch eine „letzte“ Akkupunkturnadel im kleinen Zeh half nichts. Die Oberärztin wollte nun eine Saugglocke zur Hilfe nehmen. Glücklicherweise konnte sich meine Hebamme „durchsetzen“ und bat sie Ruhe zu bewahren, er würde gleich da sein. Sie fragte mich auf einmal, wann ich das letzte Mal Wasser lassen war. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, also lag der Zeitpunkt zu lange zurück. Meine Blase war voll und das der Grund, warum sich der Kopf unseres Schätzchen keinen Weg bahnen konnte. Nachdem der Katheder geholfen hatte, kam die letzte Presswehe und das Köpfchen war draußen. Ja genau, die letzte Presswehe. Dann passierte nichts mehr. Ich merkte wie alles spannte. Wenige Minuten später waren sich Ärztin und Hebamme einig, dass keine Zeit zu verlieren war und ich den Körper ohne Wehe herauspressen müsse. Also tief Luft geholt, mit Vertrauen dem geschulten Personal gegenüber, nachdem mein Kommentar eigentlich „nein das schaffe ich nicht“ lautete und dann plumpste unser kleines Wunder in die Hände der Frauen. Er schrie. Er lebte. Ich lebte. Mein Freund weinte. „Unser Sohn ist da.“ Ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Am 19.02.2016 um 10:31 Uhr erblickte unser Schlomo mit 4490g und 54cm das Licht der Welt. Ich musste selbst kurz schmunzeln, denn der erste Kommentar der Oberärztin, noch vor der Beglückwünschung war „Respekt, ein ganz schöner Brocken.“ :‘-D

Von der ersten Wehe bis zur Geburt dauerte es also 56 Stunden, wobei ich 8 Stunden zu kämpfen und in den letzten 2 Stunden Presswehen hatte. Mich hätte es wahrlich schlechter treffen können. Die Anstrengungen haben sich gelohnt. Wenn aus Liebe Leben wird, dann trägt das Herz einen Namen.

Ganz klar, warum ich anfangs etwas ausführlicher über das Kawasaki-Syndrom schreibe – bitte lasst euch von keinem Arzt abwimmeln, wenn euch an euren Kindern etwas merkwürdig vorkommt. Ärzte sind auch nur Menschen und können nicht jede Krankheit kennen. Entscheidend bei MCLS ist der Beginn der Therapie vor dem 10. Krankheitstag – Studien haben gezeigt, dass dann die Häufigkeit von Veränderungen am Herzen um den Faktor 10 gesenkt wird. Ich wünsche mir, dass so viele Eltern wie nur möglich von der Krankheit wissen, es wenigstens mal gehört haben.

Danke fürs Lesen, danke Massa fürs Schreiben, für meinen ersten Gast-Blog-Beitrag etwas lang geworden. #hoppala

 

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Kommentare: 7
  • #1

    Adelaida (Freitag, 15 September 2017 13:14)

    Danke für diesen Bericht! Schön, dass es euch gut geht!

  • #2

    Eni (Freitag, 15 September 2017 13:30)

    Ich bin stolz auf dich❤️

  • #3

    Ina (Freitag, 15 September 2017 20:09)

    Danke für deinen Bericht.

  • #4

    Patrizia (Dienstag, 19 September 2017 00:19)

    Danke, dass wir an so Intime Momente teil nehmen dürfen ☺️

  • #5

    Lara (Dienstag, 19 September 2017 09:21)

    ...wie sehr mich der Verlauf der Geburt an die meines Sohnes erinnert. Ein paar Mal kamen wir Tränen :) Schön geschrieben und danke, dass ich nun zumindest von der Krankheit mal gehört habe :) Alles Gute :)

  • #6

    Juli Scharno (Dienstag, 19 September 2017 12:57)

    Wahnsinn, Isabell, meinen größten Respekt vor deiner Kraft. Und es zeigt mir ein Mal mehr, wie unbezahlbar der Job ist, den Beleghebammen machen!!!

  • #7

    Christine (Mittwoch, 20 September 2017 13:21)

    So ein Herzzerreißender bericht. Danke �