Geburtsbericht der lieben Friederike @eswareinmal.ich.du.wir

Eine Schwangerschaft ist ein wunderschöner Ausnahmezustand, manchmal unerwartet anstrengend und gar schmerzhaft, manchmal einfach nur magisch. Aber vor allem ist diese Zeit äußerst sensibel, ich war sensibel. Empfänglicher für Freude, Angst und Verunsicherungen.
Ich habe vor der Schwangerschaft schon viel gelesen, von manch unnötigen Maßnahmen bei den Vorsorgeuntersuchungen und viel zu hohen Kaiserschnittraten, über interventionsfreie Geburten und Schwangerschaften, die in Eigenregie stattfinden. Und natürlich war ich begeistert von diesen Frauen, die Untersuchungen hinterfragen, sich gegen die Norm stellen und ihr Kind zu Hause gebären. Das wollte ich auch.
Dann saß ich aber doch alle vier Wochen bei meinem Frauenarzt, nahm seine Weigerung die Vorsorge mit meiner Hebamme zu teilen einfach hin (ich fuhr dann zweigleisig) und ließ mich zur Feindiagnostik wegen eines kleinen, nicht erblichen Herzfehlers meines Partners überreden. Letztendlich lag ich für die Geburt doch im Krankenhaus, denn die Ängste waren größer als jegliches Vertrauen in den Geburtsprozess und meinen Körper. Aber ich hatte meine eigene Hebamme dabei, denn diese hatte ich mit viel Glück in der frühen Schwangerschaft gefunden. Sie begleitete mich von der Schwangerschaft, über die Geburt bis ins Wochenbett und dafür bin ich mehr als dankbar. Ich denke, ohne ihre Unterstützung und permanente Begleitung hätte meine erste Geburt ganz anders verlaufen können. 
Nun bin ich dort im Krankenhaus, in einem viel zu kleinen Kreißsaal im Ende des Flurs, den meine Hebamme ausgesucht hat, weil man dort Ruhe vor den Ärzten hätte. Es ist 12Uhr am 2.1.2016, zwölf Stunden regelmäßige Wehen im Abstand von 3-8min liegen hinter mir. Sie sind nicht stark, ließen mich aber in der letzten Nacht nicht schlafen. In der Silvesternacht davor war ebenfalls kaum an Schlaf zu denken, sodass ich einfach nur müde bin und zwischen den Wehen im Stehen einschlafe. Meine Zweithebamme kam bereits zweimal zu mir nach Hause, während diesen ersten zwölf Stunden, um nach mir zu sehen und mich zu untersuchen. Beim zweiten Mal dann der Befund, Gebärmutterhals verstrichen und 3-4cm Muttermundsöffnung, wir können ins Krankenhaus. Seitdem ist nichts mehr passiert, die Wehen wurden leicht stärker, hörten zwischendurch ein paar mal auf, blieben aber zu unregelmäßig. Ich bin irgendwie aufgeregt, fühle mich in der Umgebung etwas unwohl, sodass ich mich nicht in eine Geburtsblase begeben und abschalten kann. Es vergehen ein paar Stunden, Schmerzmittel will und brauche ich nicht. Ich bin selbst überrascht, wie gut ich mit den Wehen klar komme, in den Wehenpausen fühle ich mich komplett schmerzfrei und leicht.
Meine Hebamme versucht es mit Ut-Öl, Massagen, einen Einlauf, aber die Geburt schreitet nicht voran. Ich turne auf einem Gymnastikball und auf dem Bett, fühle mich durch das angeschlossene CTG aber sehr gefesselt. Dann wird die Fruchtblase geöffnet, vielleicht ist das viele Fruchtwasser schuld, dass es nicht weiter geht. (Rückblickend war es eher der Ortswechsel ins Krankenhaus.) Aber auch nach fünf Stunden Krankenhaus ist der Befund unverändert. Meine Hebamme möchte mir Buscopan per Tropf zur Entspannung geben, ich bin nicht begeistert über diese Maßnahme. Hatte ich doch von Anfang an auf einen venösen Zugang verzichtet, weil ich keine Interventionen wollte. Doch kurz bevor der Tropf angeschlossen ist, kommt die ärztliche Anweisung mich an den Wehentropf zu hängen. Ich bekomme leichte Panik, bin gedanklich gar nicht mehr beim Geburtsprozess, sondern gehe die Risiken dieser Intervention durch. Sehe mich bereits bei einem Notkaiserschnitt, weil mein Kind Stress und schlechte Herztöne kriegen könnte. Dies passiert zum Glück nicht. Stattdessen habe ich Wehenstürme, trotz der sehr kleinen Dosis, sodass meine Hebamme den Tropf schnell ausstellt. Gleichzeitig bringt es mich in diese Geburtsblase, die mir die ganze Zeit gefehlt hat. Ich veratme die Wehen auf dem Bett im Vierflüßlerstand, nur für mich und nehme in kleinen Bruchstücken wahr, was um mich herum geschieht. Das erste Mal kommt mir der Gedanke, dass ich keine Lust mehr habe. Es ist aber nicht mein Baby, das mich weiter antreibt, sondern eine Stimme im Kopf, die mir immer wieder sagt, ich solle mich nicht so haben. Frauen bringen schon immer Kinder auf die Welt und diese kamen schließlich auch alle von allein heraus. Ich muss darüber schmunzeln, meine Motivation ist wieder da. So verlange ich nach keinen Schmerzmitteln, jammere nicht, sondern vertöne laut meine Wehen. Das permanente Loben meiner Hebamme versuche ich zu ignorieren, meinem Freund habe ich bereits so etwas verboten. Die Anwesenheit von Beiden tut mir gut, gleichzeitig brauche ich komplette Ruhe. Ich fange an fürchterlich zu schwitzen, meine Haare kleben mir im Gesicht. Bei meinem letzten Toilettengang einmal quer über den Flur, gestützt auf meiner Hebamme und meinem Freund, denke ich mir noch, was für einen gespenstischen Anblick ich geben muss. Wirklich von der Toilette herunter komme ich nicht, die Wehen sind zu stark und immer, wenn ich aufstehen will, kommt die nächste. Hier verwerfe ich entgültig den Plan auf einem Gebärhocker zu entbinden. Denn ich schaffe in dieser Position kaum das Veratmen. Wieder im Kreißsaal, der Befund 10cm, alles ist bereit. Ich bleibe gleich auf dem Kreißsaalbett, etwas, was ich nie wollte, schaue zur Uhr und sehe, dass drei Stunden seit dem Wehentropf vergangen sind. Plötzlich kann ich wieder klar denken, bekomme jede Kleinigkeit im Raum mit. Meine Zweithebamme wird geholt, ich begebe mich auf die linke Seite und greife nach dem Tuch, das über dem Bett von der Decke hängt und habe die erste Presswehe. Ich lasse es geschehen, drücke leicht mit und ziehe mich, geleitet durch diese immense
Kraft, in eine fast aufrechte Position. Schmerzen der Wehen verspüre ich kaum, aber mein Unterleib besteht nur noch aus einem starken Brennen. Beinahe fühlt es sich an, als würde ich in viele Stücke gerissen. Ich bekomme daher warme Kompressen aufgelegt, wodurch das Brennen nachlässt. Ich spüre wie der Kopf zwischen den Presswehen immer wieder zurück rutscht, sodass ich stärker mitschiebe und merke, wie ich leicht reiße.
20.37 Uhr schwimmt unser Baby endlich, schreiend, mit einer großen Menge des restlichen Fruchtwassers auf die Welt. Wir wissen noch nicht, was es ist, aber das ist in diesem Moment auch nicht wichtig. Wir staunen und ich bekomme gar nicht mehr mit, was um mich herum geschieht. Es ist ein Junge. Ich grinse wie ein Honigkuchenpferd und wir sind einfach nur glücklich.
Eine halbe Stunde später steht eine Ärztin im Raum, die Plazenta ist bisher noch nicht geboren. Ich bin sauer, denn natürlich kann das manchmal etwas länger dauern. Meine Hebamme versucht es mit Akupunktur und leichter Massage, zum Schluss wird doch Oxytocin gespritzt. Wieder eine Maßnahme, die ich nicht wollte. Und dann kommt die Kinderärztin. Das letzte, was man als frisch gebackene Eltern haben möchte, sind Verunsicherungen. Trotzdem folgt zunächst eine Diskussion mit vielen Vorwürfen, warum wir die reguläre Vitamin K1 Gabe ablehnen und uns für die niederländische Variante (drei Monate lang eine kleine tägliche, orale Gabe Vitamin K1) entschieden haben. Danach soll es eigentlich nach Hause gehen, denn wir haben eine ambulante Geburt geplant. Mir geht es gut und auch meine Hebamme befürwortet diese Entscheidung. Aber im Krankenhaus wird förmlich ein Grund gesucht, warum dies nicht möglich sei. So bleiben wir nach weiteren Diskussionen über Nacht in einem Familienzimmer. Während Papa und Sohn sich kennenlernen, die ersten Windeln wechseln und sich zusammen etwas erholen, schlafe ich vor Erschöpfung die wenigen Stunden bis zum frühen Morgen durch.

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Kommentare: 3
  • #1

    Vicky (Freitag, 06 Oktober 2017 09:36)

    Deshalb würde ich nie wieder im Krankenhaus gebären. Was da mit Mama und Baby gemacht wird ist unteriridisch überschreitet Körperverletzung und ist Menschenunwürdig!

  • #2

    Carmen (Freitag, 06 Oktober 2017 10:26)

    Ein sehr schöner Bericht. Das ging ja zum Glück nochmal gut im Krankenhaus. Dubkanmst glaub ich froh sein dass die Interventionen sich im Rahmen hielten. Trotzdem sehr schade dass es heutzutage selbstverständlich ist dass man einen venösen Zugang gelegt bekommt oder eine macht im Krankenhaus bleiben soll usw .
    Ich find es toll was für ein Gefühl du für deine Körper hast. Ich könnte gar nicht einschätzen wann die Presswehen begonnen haben, wie tief mein Kind schon ist, und ob ich gerissen bin....

  • #3

    Britta (Freitag, 06 Oktober 2017 23:21)

    Oh ja, die Geburt ist ein Erlebnis, für jeden anders. Aber über den Krankenhausaufenthalt danach erzählen viele ähnliche Geschichten. Ich habe beides in folgenden Beiträgen verarbeitet, schau gern mal rein:

    https://fulltime-mami.blogspot.de/2017/09/die-blitz-geburt-ein-rasantes-erlebnis.html?m=0

    Und:

    https://fulltime-mami.blogspot.de/2017/09/deine-neue-rolle-als-mutter-blogparade.html?m=0