Geburtsbericht der lieben Célie @fraeulein_raupe

Heute ist der letzte Schultag vor den Sommerferien. Ich sitze in meinem Kinderzimmer auf dem Bett und starre auf die Uhr. Als die Wehen im 15 Minuten Takt kommen, wecke ich vorsichtig meine Mama. Sie sitzt gleich aufrecht im Bett: „Geht es los?“. Dann versichert sie mir, dass wir noch Zeit haben. Sie lässt mir ein Bad ein und ich versuche im warmen Wasser zu entspannen. Es ist alles vorbereitet: die Kliniktasche ist gepackt, das Kinderzimmer eingerichtet und der Schulabschluss in der Tasche.

 

Während meine Gedanken bei der Abschlussfeier sind, überkommt mich eine heftige Wehe. Okay, nun wäre es wohl an der Zeit für's Krankenhaus! Ich veratme die Wehen und sehe zu, wie meine Geschwister in die Schule gehen. Jetzt endlich können wir los!

 

Auf dem Parkplatz schaffe ich gerade so die Strecke an drei Autos vorbei, dann muss ich stehen bleiben und atmen. Im Geburtsvorbereitungskurs hatte das gar nicht geklappt und jetzt ist es das natürlichste der Welt: Tief in den Bauch atmen und dann los lassen. Mit ganzer Kraft habe ich es in den blau gefliesten Kreißsaal geschafft, der rosafarbene wäre mir lieber gewesen. „Bitte gehen Sie noch eine Stunde spazieren!“ Sind die irre? Ich hab es gerade so nach oben geschafft und das war umsonst? Okay, alles wieder zurück!

 

Draußen beim Krankenhauscafé atme ich den Gästen schön in ihre Eisbecher. Gibt ja nix anderes zum festklammern, als die Stühle. Zurück im Kreißsaal hat sich leider immer noch nicht viel getan. „Entspannungsmusik? Wir haben Meeresrauschen, Vogelgesang oder Waldklänge?“ Ich geh gleich in den Wald, hole die Vögel und ertränke sie im Meer! Diese Schmerzen lassen sich nicht wegzwitschern! „Danke, aber ich hab meine eigene Musik dabei.“ Bei der Besichtigung hieß es, dass sei kein Problem. Also lege ich Linkin Park ein und atme.

 

Meiner Mama fällt es nicht leicht, mich leiden zu sehen. Sie hebt meine Hände, massiert mir den Rücken und spendet mir Kraft. Neben mir im Kreißsaal kommt ein Baby zur Welt. Bald bin ich auch Mama, nur noch etwas aushalten! Nach 10 Stunden verlassen mich meine Kräfte. Die PDA ist schnell gelegt und ich fühle mich befreit. „Das ist meine Tochter, du redest endlich wieder wie ein Buch!“ Meine Mutter ist erleichtert.

 

Die Tür vom Kreißsaal fliegt auf: „Oh, das dauert hier wohl noch 'ne Weile, ich geh dann noch ein Eis essen“! Und weg war sie wieder: Meine drei Jahre jüngere Schwester kam direkt nach Schulschluss ins Krankenhaus. Ich will sie unbedingt dabei haben. Wir gehören zusammen! Aber hey! Das ist nicht fair! Es ist heiß draußen, aber sie kann sich doch nicht einfach den Bauch voll hauen, während ich an das Geburtsbett gefesselt bin!

 

Plötzlich muss ich auf die Toilette. Meine Blase platzt gleich. „Ich muss dringend pinkeln!“ Die Hebamme redet auf mich ein. Das wäre unmöglich, sie hätte die Blase entleert, mit der PDA dürfte ich nicht mehr aufstehen.  „Dann lass es laufen!“ Was? Ich soll jetzt der Hebamme vor die Füße pinkeln? Niemals! Und ich kann es nicht mehr halten – ein Wasserfall ergießt sich im Kreißsaal. Die Fruchtblase ist geplatzt.

 

Schichtwechsel. Ach ne! Jetzt entbindet meine Akkordeonlehrerin mein Kind! Reicht es denn nicht, das meine Berufsberaterin meine Nachsorgehebamme ist?! Doch darüber nachzudenken hab ich keine Zeit mehr. Alles drückt nach unten. „10cm haben wir geschafft! Jetzt dauert es nicht mehr lang!“ Mama? Mama, ich brauch dich! Ich schaffe das nicht! Ich will das doch nicht! Ich bin viel zu jung dafür! Wieso habe ich geglaubt, ich könne das: Verantwortung tragen, die Jugend aufgeben, Mutter sein? Ich bin erst 15 Jahre alt! „Das Köpfchen ist schon da!“

 

Mein Körper fühlt sich an, als würde er in 100 Stücke gerissen werden. Die Hände meiner Mama halte ich fest umschlossen und schaue in die freudigen Augen meiner Schwester. Und dann, ganz plötzlich, wird mir ein kleines, schleimiges und blutiges Bündel auf die Brust gelegt: „Hallo, ich bin es, deine Mama...“

 

 

 

Heute ist dieses kleine Bündel fast 13 Jahre alt und wir sind ein gutes Team. Wir haben es geschafft, seine Trotzphase und meine Pubertät unter einen Hut zu bekommen. In zwei Jahren bin ich 30 und lebe dann länger mit Kind als ohne. Und wir sind glücklich!

 

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Kommentare: 11
  • #1

    Chrissy (Freitag, 04 August 2017 09:47)

    Wow, meinen vollsten Respekt, dass du die Entscheidung getroffen hast so früh Mama zu werden und wie wunderbar, das du das alles so gemeistert hast.

  • #2

    Lisa-liebt-4 (Freitag, 04 August 2017 09:50)

    Schöner Bericht, kann ich gut nachvollziehen ich war damals 16 , meine Tochter wird jetzt 10 Jahre . Es war nie leicht aber wunderschön.

  • #3

    ME (Freitag, 04 August 2017 10:02)

    Wow das klingt wirklich toll. Respekt an Dich und Deine Familie!

  • #4

    Sabrina (Freitag, 04 August 2017 10:28)

    Ich hatte Tränen in den Augen mein vollsten Respekt wirklich ich hätt es nie geschafft :)

  • #5

    Elisa (Freitag, 04 August 2017 10:36)

    Wahnsinn!
    Hat mich an meine Mama und mich während der Geburt erinnert. Ich war gerade 18. Toll, dass ihr das so gemeistert habt. Weiterhin alles ❤️

  • #6

    Jana.mom.love (Freitag, 04 August 2017 11:26)

    Wow. Toller Bericht!! Starke mama! Starke Frau!! Großen Respekt!

  • #7

    Stefanie (Freitag, 04 August 2017 12:47)

    Mir kamen auch die Tränen - deine Geschichte berührt mich sehr!

    Ganz großen Respekt und weiterhin alles Liebe für Euch!!

  • #8

    Rea (Freitag, 04 August 2017 13:23)

    Ein wirklich toller Bericht ��

  • #9

    Astrid (Freitag, 04 August 2017 14:27)

    Respekt, toll und einen hübschen Sohnemann haste. Mach weiter so ��

  • #10

    DieCheckerin (Freitag, 04 August 2017 18:37)

    Ein toller Geburtsbericht. Ganz besonders mag ich ja das Foto mit dem roten T-Shirt uuund den Satz "In zwei Jahren bin ich 30 und lebe dann länger mit Kind als ohne"

  • #11

    Katharina (Freitag, 04 August 2017 23:10)

    Ich fühle sehr stark mit, meine Tochter ist 12 wird 13 und ich bin 28, auch ich werde in 2 Jahren mein halbes Leben lang Mutter sein. Meine größte "Angst" damals war, dass ich nicht einschätzen kann wann das Kind kommt, als ich über den Termin ging und die Schwester im KH irgendwann bei der Kontrolluntersuchung meinte ich könnte da bleiben der Muttermund ist geöffnet war ich froh :D es ist zwar für mich immer noch rückblickend manchmal wie ein Film, empfehlen würde ich niemandem so jung Kinder zu bekommen, aber meine Tochter möchte ich nicht missen und sie war meine Bestimmung, der Erzeuger nicht ;)