Meine Geschichte

Als ich zehn war, starb meine Großmutter. Keine 12 Std. vorher hatte ich ihr genau das gewünscht. „Ich wünschte sie wäre tot“, waren meine Worte kurz bevor ich in der Nacht zum Totensonntag zu Bett ging. Warum ich mit 15 Jahren dann ihr Gesicht bei Akte XY auf ZDF entdeckte und wie ich mein Leben weiter lebte, sogar richtig glücklich wurde,darüber will ich heute schreiben.

 

Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Und damit meine ich weniger die liebevolle Umgebung, die ich auf jeden Fall hatte, sondern mehr das Gefängnis aus Druck und Erwartungshaltung. Schon früh war klar, dass ich mal was aus mir mache. Mit acht konnte ich bereits im Rüschenkleid und Lackschuhen bei Tisch ein fünf Gänge Menü  ertragen. Ich wusste mich zu benehmen und sprach nur, wenn ich dazu aufgefordert wurde. Zumindest in ihrer Welt. Der, meiner Großmutter. Eine Mäzenin mit blauem Blut und Titel. In ihrem Palast gingen die Uhren anders. Zu Hause bei meinen Eltern und Geschwistern gab es das alles nicht. Da musste ich nicht knicksen, sobald ich heimlich gekniffen wurde. Meine Mutter war die Jüngste von drei Kindern und tat das Unaussprechliche. Sie heiratete aus Liebe. Unter ihrem Stand. Einen bürgerlichen, einen Lehrer. Einen“ Erbschleicher“, sagte die Großmama. Mir sollte das nicht passieren. Ich sollte mal auf ein französisches Internat gehen und einen netten  Adligen zum Mann bekommen.  Die Ferien verbrachte ich bei ihr. Vom Balkon aus, konnte ich den japanischen Touristen winken, die regelmäßig unten an den Pferdekutschen standen. Egal was ich mir wünschte, ich bekam es.  Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Zu Hause war alles normal, so wie bei euch. Ab und an kam ein großes Paket mit Geschenken. Und in den Ferien fuhr ich wieder in diese andere Welt. Doch dann kriselte es. Ich wollte nicht mehr Püppchen sein. Und eines besagten Abends, als ich meine Eltern mal wieder in der Küche streiten hörte, brach es aus mir heraus. „ Ich will da nicht mehr hin. Ich wünschte sie wäre tot,“ schrie ich.

Am nächsten Vormittag, einem kalten Novembertag kam mein Vater ins Spielzimmer. Er sagte, dass meine Großmama einen Herzinfarkt hatte und gestorben sei. Ich war 10. Ich war sehr traurig.

Wir Kinder durften nicht zur Beerdigung. Erst Jahre später konnte ich mich richtig verabschieden.

In den folgenden Jahren passierte allerhand seltsames. Es begann mit Träumen, die nicht zu der Herzinfarkt Geschichte passten. Ich sah einen Mann.

Eine Klassenkameradin zeigte mir einen BILD  Zeitungsartikel. „Hier, ist das nicht Deine Oma?“ Meine Eltern erklärten mir, dass die Presse nur Leser ziehen will und deshalb Lügenmärchen erfindet.

Ich bekam ein Telefongespräch unserer Nachbarin mit. Sie erzählte darin ihrer Freundin, welch grausame Geschichte sich in der Nachbarschaft zugetragen hatte.

Meine Eltern versicherten mir, dass die alte Dame sich nur wichtig machen will. Und so vergingen Monate und Jahre.

Mit 15 schlich ich mich eines Abends in den Keller um Fernsehen zu schauen. Ich drückte auf 1 und wollte mich durch die Programme zappen. Bei  ZDF blieb ich hängen. Ein 3x2m großes Ölgemälde meiner Großmutter  leuchtete ins sonst so dunkle Spielzimmer. Darauf folgte ein Film. Die Menschen darin hatte ich noch nie gesehen. Aber ihre Namen! Sie hießen wie meine Familie. Meine Oma. Meine Tante. Ich weiß nicht ob ich damals atmete und was ich dachte. Ich weiß nur noch, dass ich den kompletten Beitrag ansah. Dann brach ich zusammen.


An einem Novembermorgen, vor vielen Jahren, wurde meine Oma in ihrem Haus brutal ermordet. Das wusste die ganze Welt. Nur ich nicht. 


Über 10 Jahre später wurde ein Kleinkrimineller bei einem Einbruch, auf frischer Tat ertappt. Routinemäßig wurde seine DNA durch das System des LKAs  geschickt. 

Sie passte zu den gesicherten Spuren von damals....



Es war eine harte Zeit. Ich verlor das Vertrauen in Gott,meine Eltern und schlussendlich auch in mich. Mit über 20 nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und rief einen Psychologen aus dem Telefonbuch an. Ich hatte tatsächlich Glück ich bekam einen Termin, als Kassenpatienten. Ich ließ mich auf die Situation ein, ich vertraute einer mir völlig unbekannten Person mein Innerstes an. Insgesamt ein Jahr ging ich regelmäßig in die Therapie. Bezahlt wurde das Ganze durch meine Krankenkasse. Ich habe sehr viel gelernt über mich . Ich würde es jederzeit wieder machen. Einen Psychologen aufsuchen, sollte es notwendig sein. Mir ist das nicht peinlich und ich finde daran ist auch nichts verwerfliches. Mir wurde geholfen eine schwere Zeit in meinem Leben aufzuarbeiten und zu verarbeiten . Ich bin deswegen nicht irre oder bekloppt oder es steht in irgendeiner Akte über mich. Es stimmt, ich gehe damit nicht hausieren. Keiner weiß von meiner Therapie. Aber das liegt nur daran, dass ich meine Geschichte nicht immer und immer wieder erzählen will.
Wenn es nur einen Menschen da draußen gibt, dem es ähnlich geht. Der vielleicht auch sein Vertrauen verloren hat und nicht den Mut aufbringen konnte, sich professionelle Hilfe zu holen. Dessen Umfeld vielleicht sogar dagegen ist. Wenn es nur diesen einen Menschen gibt, der aufgrund meiner Geschichte zum Telefon greift. Und den ersten Schritt aus der Dunkelheit tut. Dann hat es sich schon gelohnt, Euch meine Geschichte endlich zu erzählen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 17
  • #1

    Seelenhafen (Dienstag, 04 Juli 2017 11:06)

    Es zeugt von wahrer Größe sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht und sich dann auch welche holt. Ich habe fast zehn Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass es ohne nicht mehr geht. Meine Kindheit war von außen betrachtet auch wohl behütet - Mutter im Halbtagsjob, Vater Vollzeit und immer nett und freundlich. Doch was sich hinter der Kulisse abspielte, glaubt kaum jemand, der meine Familie kennt. Mit 15 brach ich von Zuhause aus, kurz darauf starb meine Mutter und die Familie wurde irreparabel zerstört. Heute - zehn Jahre später - lebe ich in meiner eigenen Welt, mit eigenen Idealen, mit Liebe, mit Freude.
    Ohne die Therapie, die ich seit einem Jahr besuche, wäre mir das nicht gelungen.

  • #2

    Raphaela (Dienstag, 04 Juli 2017 11:39)

    DANKE dass du das mit uns teilst! Ich, als Psychologiestudentin, habe immer wieder mit Aussagen und Meinungen anderer zu kämpfen die meinen späteren Beruf schlecht machen! Ich wünschte es gäbe mehr Menschen, die den Mut haben dazu zu stehen. Es zeugt von STÄRKE wenn man weiß dass man Hilfe braucht und sich diese dann sucht und in Anspruch nimmt - auf keinen Fall is sowas Schwäche!!

  • #3

    Julia R. (Dienstag, 04 Juli 2017 11:47)

    Ach Mensch, deine Eltern wollten dich doch nur schützen. Einem 10 jährigen Kind zu erzählen, dass die eigene Oma brutal ermordet wurde, richtet wahrscheinlich größeren psychischen Schaden an als alles andere.
    Ich kann deine Eltern total verstehen.

  • #4

    Pandaelfenhausen (Dienstag, 04 Juli 2017 11:51)

    Sehr mutig! Und ich hoffe, es bewirkt vielleicht wirklich etwas bei einigen! :)

  • #5

    Christine (Dienstag, 04 Juli 2017 12:23)

    Meine Eltern haben mir und meiner Schwester damals auch nicht erzählt, dass meine Oma sich im Keller erhängt hat...ich muss gestehen, dass ich ihnen dafür dankbar bin, ich war erst 6 und meine Schwester 9. Allerdings haben sie es mir auch von alleine erzählt, als ich 17 war und haben mir erklärt, warum sie das damals verschwiegen haben. Ich habe auch vorher nie was vermutet, das einzige, was ich manchmal komisch fand, war, dass meine Mama nicht in den Keller gehen wollte, wenn wir meinen Opa besucht haben. Aber dadurch war mein Vertrauen nie erschüttert. Ich finde es immer sehr mutig, wenn Menschen sich Hilfe suchen...toller Text!��

  • #6

    Anja (Dienstag, 04 Juli 2017 12:38)

    Dein Eintrag macht Mut. Mut den ich brauche, aber noch nicht ganz habe.
    Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Wohne in einem schönen Häuschen und alles ist perfekt.
    Perfekt nach aussen, denn in mir drinnen ist nicht alles kaputt, aber doch renovierungsbedürftig.

  • #7

    Meike (Dienstag, 04 Juli 2017 13:21)

    Meine liebe Massa
    Danke für deine Offenheit.
    Ich war selbst lang Co.abhängig und habe nur durch die Suche nach einem Therapie Platz für meinen ex Hilfe in der suchtberatung gefunden.ich hatte dann ca 1 jahr lang wöchentlich Gespräche um mich zu lösen .das hat mir damals unheimlich geholfen mich nicht zu verlieren und auch wieder zu mir selbst zu finden als Mensch sowie als Frau.
    Deine Offenheit hilft sicherlich!
    Danke

  • #8

    Liebe (Dienstag, 04 Juli 2017 13:28)

    Unglaublich! Meine Geschichte fängt anders an, hat andere Beweggründe als die deine, aber der Teil mit selbst zu einer Psychologin (in meinem Fall) gehen, selbst suchen, als Kassenpatientin einen Platz bekommen, eine Gesprächstherapie machen und erfolgreich abzuschließen (!), dieser Schritt mutig genug zu sein, sich selbst zu helfen, deswegen weder irre noch bekloppt zu sein nicht damit hausieren zu gehen, aber doch es auch nicht zu verheimlichen, wenn es sich in einem Gespräch ergibt - das ging mir wie du! Ich bin gerade so überrascht! Das hätte ich nie gedacht, dass dir sowas Ähnliches wiederfahren ist und du so ähnlich die selben Konsequenzen gezogen hast, wie ich! Und es gibt mir auch Hoffnung! Denn es gab einmal einen Punkt, da dachte ich, es hat absolut keinen Sinn mehr weiter zu leben, außer dass ein Selbstmord andere in meinem Umfeld noch trauriger machen würde und das höchst egoistisch wäre und daher deshalb nicht in Frage käme. Aber sonst schien alles sinnlos, ich vegetierte mehr, als ich lebte und dank der Therapie habe ich all diese schlimmen Gedanken, die wirklich starken Depressionen so erfolgreich bekämpft und fühle mich jetzt so glücklich und zufrieden in meinem Leben, auch mit dem Wissen, so stark gewesen zu sein und aus eigenem heraus eine Aufarbeitung von Traumata begonnen und besiegt zu haben. Ich fühle mich manchmal, als wäre ich geheilt worden, oder hätte mich mit Hilfe der Psychologin, all der Selbsterkenntnis und dem Mut selbst geheilt. Schlimm, was du erlebt hast, aber ich kann dir meinen Respekt und meine Anerkennung aussprechen, wie du damit umzugehen wusstest. Ich hoffe viele folgen unserem Beispiel und finden den Weg heraus aus einer nur scheinbar ausweglosen Situation! Leute, seid mutig und sucht euch Hilfe - dadurch helft ihr euch selbst ! ! !

  • #9

    Verena (Dienstag, 04 Juli 2017 13:43)

    Wow, deine Worte sind bewundernswert. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen, weil mir nun ein wenig die Worte fehlen ❤️

  • #10

    N. (Dienstag, 04 Juli 2017 14:51)

    Mein Vater hat sich umgebracht als ich 10 Jahre war und nie haben wir zu Hause darüber gesprochen. Als ich dann in meiner ersten richtigen Beziehung war, hätte ich mit Selbstzweifeln und unbegründeter Eifersucht fast alles kaputt gemacht... Aber ich hatte das Glück, eine wunderbare Therapeutin zu finden... Ohne die endlosen Gespräche mit ihr, wären mein (mittlerweile) Mann und ich definitiv nicht mehr zusammen und auch unsere Kinder würde es so nicht geben.

    Sich Hilfe zu suchen, ist niemals ein Zeichen der Schwäche! ❤

  • #11

    Isabelle (Dienstag, 04 Juli 2017 17:06)

    Ein berührender,mutiger Text!

  • #12

    Selina (Dienstag, 04 Juli 2017 21:57)

    Normalerweise bin ich immer eine Stille Mitleserin! Aber bei diesem Text muss ich Dir danken, dass du dies nieder geschrieben hast und mit uns teilst! Danke! Danke für deine Offenheit und Unterstützung!

  • #13

    Ines Jana (Mittwoch, 05 Juli 2017 00:26)

    Vielen Dank für Deine ehrlichen Worte. Ich hatte eine behüteten und glückliche Kindheit, trotzdem bekam ich vor Jahren auf einmal Panikattacken. Die rührten von einem einzigen Abend in einem Club, wo mir K.O. Tropfen ins Getränk gemischt wurden. Nein ich wurde nicht vergewaltigt , aber ich bin umgefallen und musste ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Von da an bekam ich bei jeder Veranstaltung, Konzert oder ä. Panikattacken .Ich nenne es immer die Angst vor der Angst. Es hat länger gedauert, mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauche. Was Ich ? Die selbstbewusste, lustige Ines, die immer Allen hilft, soll sich Hilfe holen? Die 55 Stunden die Woche arbeiten kann und für Alle da ist? Meine Tochter hat mich dann überredet und nach einem Jahr Verhaltenstherapie ging es mir wieder gut. Wenn ich merke, dass es sich wieder so anfühlt, habe ich meine Tricks , um die Attacke zu zügeln. Liebe Grüße aus dem hohen Norden. Ines

  • #14

    Jana (Mittwoch, 05 Juli 2017 10:10)

    Oh wow. Was für ein berührender und starker Eintrag. Ich kenne dich nur von Insta und freue mich auf deinen Blog gestoßen zu sein.

  • #15

    Ina (Donnerstag, 06 Juli 2017 00:00)

    Eigentlich total schade, dass es hier bei uns so ein Tabuthema darstellt zum Psychologen zur Gesprächstherapie zu gehen. Wo das in Wahrheit doch so eine stinknormale Sache ist!? Nichts daran ist verwerflich, eher im absoluten Gegenteil und immer wird man hier als geisteskrank abgestempelt. In manchen Ländern der Welt (Südamerika zum Beispiel) ist es völlig normal, dass fast jeder einfach so, zur Seelenreinigung, Entspannung oder zur persönlichen Weiterentwicklung einen Therapeuten hat und regelmäßig mit dem spricht! Posts wie dieser hier bewegen hoffentlich wieder ein paar mehr Menschen dazu Mut zu haben und selbst eine Gesprächstherapie zu beginnen oder zumindest ihre Einstellung darüber zu ändern! Es braucht nicht einmal einen bestimmten Grund wie ein Trauma oder irgendwas. Alleine um sein Gehirn für etwas Sinnvolles, zur Charaktererweiterung, Persönlichkeitsentwicklung einzusetzen wäre es so sinnvoll!

  • #16

    Conny (Mittwoch, 12 Juli 2017 12:58)

    Mutig. Finde ich toll, deinen Eintrag!

  • #17

    Zhunami (Freitag, 28 Juli 2017 12:50)

    Danke, dass du das mit uns geteilt hast.