Geburtsbericht der lieben Sarah@freddietheking

Ich war 34 Wochen schwanger und bis hier war alles Ponyhof. Ich ging jeden Morgen vergnügt zur Arbeit, aß auf was ich Lust hatte, konnte noch den gelegentlichen Sprint einlegen um einen Zug nicht zu verpassen, und kam nur außer Atem wenn ich Treppen steigen musste, oder zu schnell und viel redete. Die Vorbereitungen für den kleinen Deutsch-Engländer liefen prächtig, das Kinderzimmer war fertig, ich wusch und faltete winzige Klamotten, und die Wohnung wurde langsam aber sicher von Babyzeug verschluckt. Im Wohnzimmer war ein ganzer Parkplatz für Kram: Kinderwagen, Kindersitz, Stubenwagen, Spielmatte, und ein vibrierender Sitz, der später mal zu Stuhl-Stuhl umbenannt werden sollte, da der Lütte darauf zu gerne seinen Stuhlgang verrichtete, aber das wusste ich zu dieser Zeit noch nicht. 

Bis ich am Morgen des dritten Februars mit einem leichten Kratzen im Hals aufwachte. Genau sechs Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin und vier Wochen bevor mein Mutterschutz anfangen würde. Oh nee, die blöde Büroerkältung, jetzt hat es mich auch erwischt. Das dachte ich auf dem Weg zur Arbeit. Ich weiß noch, dass das ganze Zugabteil am Husten und Schniefen war. Jeder hatte es. 
Wenige Stunden später fühlte ich mich etwas schwach auf den Beinen, meine Glieder schmerzten. Ich entschied mich nach Hause zu gehen und die Erkältung richtig auszukurieren. Am nächsten Tag würde es vielleicht schon wieder besser gehen. Spätestens am Übernächsten Tag. Ich blätterte noch kurz durch ein paar Papiere, beantwortete zwei, drei dringliche Emails und verließ meinen Schreibtisch. Nicht ahnend, dass es das letzte Mal sein würde. 

Das Kratzen im Hals entwickelte sich innerhalb weniger Stunden zur bösartigsten Bronchitis, die ich jemals erlebt hatte. Der Husten schüttelte mich und mein Bauch wie ein Wackelpudding, ich konnte nicht liegen, nicht schlafen, nicht atmen. Ich verbrachte Tage und Nächte auf dem Sofa sitzend, starke Minzbonbons lutschend. Der Doktor hatte mir ein Antibiotikum verschrieben, und die Woche darauf noch eines, aber es war keine Besserung in Sicht. Der heftige Husten verletzte mich an den Rippen. Ein Knackgeräusch und ich konnte mich kaum mehr bewegen. Die einzige Position, in der ich es noch aushielt war in der Badewanne liegend. 

Dann am Sonntag, zwei Wochen nach Beginn der Krankheit spürte ich das Baby nicht mehr. Ich dachte wirklich das Schlimmste. Wir fuhren sofort ins Krankenhaus, wo ich nach gefühlt ewiger Wartezeit an den Monitor angeschlossen wurde. Und zum Glück, da war der kleine Herzschlag. Ich war erleichtert, bis sich eine Gruppe Hebammen und ein Arzt um mich aufbauten. "Wir müssen Sie hierbehalten", sagte der Arzt. Mein Blutdruck betrug 180/120 mmHg. Ups. Sofort wurde ich mit Tabletten gefüttert und in ein Zimmer gelegt. Einzelzimmer, in dem ich in Ruhe husten konnte. Mir war es mittlerweile egal ob ich im Krankenhaus nicht schlief, oder Zuhause nicht schlief. Es wurde diskutiert, ob die Geburt eingeleitet werden musste. Bitte bitte bitte nicht, dachte ich nur. Ich war in keinem Zustand mich um ein Baby zu kümmern. Ich konnte mich kaum um mich selbst kümmern. 

Nach zwei Tagen und Nächten wurde ich schließlich entlassen, musste aber zweimal in der Woche zurück ins Krankenhaus, damit das Baby überprüft werden konnte. Die Bronchitis dauerte und dauerte. Ich verlor Geruchs- und Geschmacksinn, damit auch meinen Appetit. Mein Blutdruck war immernoch haushoch und ich musste ständig in irgendwelche Behälter pinkeln um auf Präeklampsie untersucht zu werden. "Sie haben ne Blasenentzündung", rief die Hebamme fröhlich. Natürlich. Es gab kein Körperteil mehr, das nicht mit irgendetwas entzündet war. So langsam stellte alles den Betrieb ein. Ich hoffte nur, das Baby würde sich sehr viel Zeit lassen. Mittlerweile ware es nur noch zwei Wochen bis zum Termin. Meine Mutter flog aus Deutschland ein, putzte die Wohnung und kochte Hühnersuppe. Dann endlich der Durchbruch, ich fühlte mich langsam etwas besser. Mittlerweile war ich auch im Mutterschutz angelangt und meine Schwägerinnen organisierten eine Babyshower für mich, auf der ich mich sogar ganz sachte wieder amüsieren konnte. Upps, da fiel mir erst auf, wie groß mein Bauch in der Zwischenzeit geworden war. Das war komplett unbemerkt geblieben.

Drei Tage nach der Party war ich wieder zur Routine im Krankenhaus. Es wurde noch ein weiterer Ultraschall für den selben Tag organisiert um die Größe des Babys zu überprüfen. Und als ich das ernste Gesicht der Schallerin sah, da wusste ich schon, dass dies das Ende meiner Genesung war: Das Baby war seit drei Wochen keinen Zentimeter gewachsen. 

"Am Besten Sie bleiben gleich hier", sagte der Arzt wie schon ein paar Wochen zuvor. Die Geburt sollte noch am selben Tag eingeleitet werden. 
Goodbye Einzelzimmer. Ich galt offiziell als genesen und damit gehörte ich wieder zum gewöhnlichen Volk. Mit einer unglaublichen Anzahl von Taschen und Gepäck zog ich in die Gesindekammer - einem Vierbettzimmer, das mit blauen Vorhängen abgetrennt war. Jede Vorhangzelle war gerade weit genug für ein Bett und einen Besucherstuhl. Wie würde ich diese klaustrophobische Zelle zu hassen lernen.

Es war Mittwoch Abend, ich saß auf dem Bett, der Gatte auf dem Stuhl, und nach mehrstündiger Wartezeit wurde uns mitgeteilt, dass die Einleitung doch erst am nächsten Tag stattfinden würde. Super, eine total unnötige Nacht im Krankenhaus.  

Aus jeder Zelle tönten andere Geräusche. Gegenüber schaute eine Krankenhausserie. Krankenhausserie! Im Krankenhaus! "Weg vom Bett!" Gefolgt vom Defibrillator-Britzel, das konnte man deutlich hören. Schräg gegenüber hatte Besuch von Mutter, Schwägerin, Schwester, dem Papst, der Bäckersfrau und der manisch depressiver Nachbarin, jedenfalls hörte sich das hysterische Gegacker und Gelache so an. Ich konnte mir nicht vorstellen wie all diese Leute in die kleine Zelle passten, aber es schien zu funktionieren. Und Nebenan lag in den Wehen, stöhnte wie eine Pornofabrik und zog rasselnd am Lachgas wie eine Abhängige. Würde man die Geschichte aus der Perspektive einer der Zellenkameraden erzählen, dann würde ich sicher als die mit Lungenkrätze im Endstadium bezeichnet werden, da ich immernoch regelmäßig von Hustenanfällen geschüttelt wurde. An Schlaf war nicht zu denken. Aber niemand von uns Zellenkameraden bekam auch nur eine Sekunde Schlaf in dieser Nacht.

Die Geburtseinleitung fand am nächsten Nachmittag statt. Bis dahin hatte ich zwei Bücher gelesen, Gegenüber hatte Findet Nemo, Toy Story 3 und der König der Löwen gesehen, und holte sich gerade einen Nachschub an Kartoffelchips für Ice Age. Schräg gegenüber wurde von einer Menschenmasse unter großem Jubel zum Kreissaal begleitet. Wie Clowns aus einem Mini kam eine Person nach der anderen hinter dem Vorhang hervor. Nebenan war sicher schon mit Baby nach Hause gegangen. Sie war in der Nacht tierähnliche Laute ausstoßend etwas eilig abtransportiert worden.

Die Einleitung war erstaunlich Unspektakulär. Ein Tampon. Ein hormongefüllter Tampon. Das wars. Das Warten ging weiter. Ich machte mir Sorgen, hatte ich doch nur noch weitere drei Bücher mit dabei. Aus Langeweile setzte ich mich zum Lesen auf einen Gymnastikball, der gerade noch so in der Vorhangzelle Platz hatte. Ich hüpfte herum während nebenan und schräg gegenüber neue Nachbarn einzogen. Letztere verhielten sich so still, es bestätigte meinen Verdacht, dass sich hinter diesem Vorhang eine geräumige Dreizimmerwohnung befand, und die neuen Bewohner hatten sich gemütlich ins Obergeschoss zurückgezogen.
Nebenan war ein Paar, das zunächst unauffällig zu sein schien, vor allem als sich der Mann nach einer Weile verabschiedete. Herrliche Ruhe, nur das Hintergrundsummen von den Gegenübers, die Madagaskar und Ab durch die Hecke sahen und amüsiert kicherten. 

Irgendwann beschloss ich auf meinem Handy Eastenders zu schauen, das ist so eine Art englische Lindenstraße. Den Ton gedämpft waren die Anfangstakte des Vorspanns gerade so mit menschlichen Ohren zu vernehmen. Duff-Duff-Duff.
Drei Minuten später ertönte auch nebenan Duff-Duff-Duff, nur zwölfmal so laut. Vorbei war es mit meiner Konzentration, das selbe Programm drei Minuten versetzt zu hören ist sehr anstrengend. Ich hüpfte wieder Ball und las meinen Thriller, als Herr Nebenan wieder erschien mit einer Plastiktüte, aus der Schwaden von Currygeruch drangen. Er selbst stank nach abgestandenem Bier und hatte rot unterlaufene Augen. Natürlich hätte ich das nicht sehen können, wegen des Vorhangs, hätte er sich nicht darin verheddert und wäre versehentlich in meiner Zelle gelandet. Verwirrt sah er sich um. Ich zeigte nur in Richtung nebenan, und er wankte ein Stück weiter, sich am blauen Stoff festhaltend, dessen Ringaufhänger gefährlich knirschten. Der Typ war sternhagelvoll. 
Schmatzend aß Herr Nebenan sein Curry, rülpste, lallte, und schmiss sich röchelnd auf seinen Besucherstuhl, der genau an der Stelle stand, die meinem Bett am nächsten war. Ich blieb mal lieber auf meinem Ball sitzen. Herr Nebenan schnarchte, lallte im Schlaf, grunzte und machte noch eine Vielzahl anderer Körpergeräusche. Seiner Frau war es offensichtlich peinlich, doch alles das sie sagen konnte war "Psssssst, psssssss, pschhhhhh..."

Wieder kein Schlaf. Und um kurz vor Mitternacht, gerade in eine Schnarchpause des Herrn Nebenan hinein erfüllte das Platschen von Wasser den Raum. Meine Fruchtblase, da ging sie hin. 

Och manno, mein gemütlicher Schlafanzug. Mein einziger Schlafanzug. Aber ich war auch sehr erleichtert, die spontane Entleerung hieß sicher, dass ich bald aus der Zelle rausdurfte. Oder? Oder? Zunächst wurde ich an den Monitor gefesselt, der meine Wehenaktivität auf ein kilometerlanges Stück Papier druckte. Papier. Herzlich Willkommen im technisch fortgeschrittenen 2016. 
"Na, da geht ja schon was", stellte die Hebamme fest. Ach so, deswegen hatte ich so seltsame Bauchkrämpfe. Das waren Wehen. Ich dachte schon, das Zellenessen hätte mir eine Magenverstimmung beschert. Hilfe, das wurde ja tatsächlich Ernst. Ich rief den Gatten an, den ich am frühen Abend nach Hause geschickt hatte, damit wenigstens einer von uns etwas Schlaf bekäme. Er nahm auch schon nach 14 Versuchen das Telefon ab. Ich empfahl ihm wieder zurückzukommen, vielleicht stünde die Geburt schon unmittelbar bevor? Diese Hoffnung wurde aber zerschmettert, als eine Hebamme einen kurzen Blick in das Feuchtraumbiotop warf und mir eine gute Nacht wünschte. Nacht und gut im selben Satz? Naja. Ich las weiterhin mein Buch, obwohl ich gegen Morgen bei jeder Wehe kurz innehalten musste, und danach den letzten Absatz noch einmal wiederholen. Es fing an schmerzhaft zu werden. Alle paar Minuten röchelte ich mit Herrn Nebenan um die Wette, der immernoch im Bierrausch lag. 

Am späten Morgen kam eine Ärztin. Sie erinnerte mich an Whoopi Goldberg mit der Stimme von Wanda Sykes. Ihre Haare waren kunstvoll toupiert und sie erfüllte jedes Big Mama Klischee mit wackelndem Kopf und erhobenem Zeigefinger und sehr vielen "Hmm Hmmmm"s

"2 Centimeters", so ihre Diagnose, als sie prüfte wie weit mein Muttermund geöffnet war. "Imma gonna give you a sweep."
Bevor ich herausfinden konnte was ein Sweep war, hatte sie schon den Arm bis zum Ellbogen in meiner Kriegszone versenkt und stocherte gewalttätig darin herum. Ich sah aus dem Augenwinkel noch den Gatten entsetzt vom Stuhl hochspringen, da setzte auch schon der Schmerz ein "JESUS BLOODY CHRIST WHAT THE FUCK!!!" brüllte ich. Whoopi-Wanda runzelte die Stirn und gab mir den Zeigefinger und ein Hmm-mmh für das Fluchen. Den Hebammen gab sie die Anweisung, mich in ein Entbindungzimmer zu verlegen. Traumatisiert packte ich meine Sachen und machte mich mit Sack und Pack und Sonnenschirm auf den Weg durch die Korridore. 

Das Trauma war jedoch verarbeitet beim Anblick des Zimmers. Einzelzimmer, mit einem echten Fenster, das sich sogar öffnen ließ. Blick auf den Parkplatz und ein eigenes Badezimmer. Kein einziger blauer Vorhang weit und breit. War ich im Himmel?
Die Hebamme, die mich in das neue Zimmer begleitet hatte, übergab mich an eine dort wartende. Als wenn ich nicht anwesend wäre berichtete sie meine ganze bisherige Geschichte. Ich lauschte interessiert der Erzählung über mich in dritter Person. Die ganze Blutdruck-Bronchitis-Sache hörte sich sehr dramatisch an, stellte ich zufrieden fest. 

"Ach ja, und außerdem hat sie von Dr. Whoopi-Wanda gerade einen Sweep verpasst bekommen", schloss die Hebi den Bericht ab. Die andere riss entsetzt die Augen auf, und für ein paar Sekunden fand ein stummer Dialog zwischen den beiden statt, den ich nur so interpretieren konnte, dass Frau Doktor W-W (weh-weh, get it, haha) dafür wohl berühmt berüchtigt war. 

Die Wehen ließen mich übrigens mittlerweile zusammenkrümmen. Ich zwang mich auf jede einzelne zu konzentrieren. Schloss die Augen und stellte mir die Berge und Täler auf dem Monitor-Ausdruck vor. Hoch den Berg ging die Wehe, bis sie ganz oben angekommen nur noch wieder nach unten gehen konnte. Die Talfahrt war ganz wunderbar.

"Etwas Lachgas?" fragte Hebi und hielt mir einen Schlauch hin, an dem vorne ein schmales Mundstück wie von einem Saxophon angebracht war. Ich nahm einen Zug, und paffte das Zeug wie bei einer Zigarette wieder aus. Uaaahhgaaah, mein Hals brannte!
"In das Mundstück ausatmen!" korrigierte Hebi schnell. Ich zog das Gas in die Lunge und entließ es brav wieder in den Schlauch. Hörte sich an wie Darth Vader. Sofort wurde mein Kopf ganz leicht und ich blinzelte benebelt ins Tageslicht. Das Bergsteigen war jedoch nach wie vor schmerzhaft. 

Mir war nahe gelegt worden eine PDA zu akzeptieren. An den genauen Grund dafür kann ich mich nicht mehr erinnern - Danke Lachgas - aber mir war in der Zwischenzeit alles egal. Bringt die Drogen. Ich hatte sowieso keine Kontrolle mehr, wie die Geburt vonstatten gehen würde. Gut, dass ich keinen Geburtsplan geschrieben hatte. Ich habe Frauen gesehen mit seitenweise handschriftlichen Aufsätzen, in denen die Wunschgeburt peinlich genau beschrieben wurde. Sowas wie sanfte Klänge einer peruanischen Okarina als Hintergrundmusik, während die Gebärende in lauwarmer Schnabeltiermilch badet und mit einem leisen Seufzer gerade lange genug presst, bis das perfekt geformte und rosafarbene Baby mit schillernden Blubberbläschen ins Becken flutscht, selbst an die Oberfläche schwimmt und sich mit einem adretten Knicks bei den frischen Eltern vorstellt.

Geburtsplan, dass ich nicht lache. Natürlich hatte ich eine gewisse Vorstellung. Immer wenn mich jemand danach fragte ratterte ich runter:

08:00 Uhr, Geburt Anfang
10:00 Uhr, Geburt Ende
12:00 Uhr, Mittagessen

Ich hatte vor der Bronchitis damit gerechnet, dass ich die Geburt einfach so kurz hinter mich bringen würde und dann gleich nach Hause gehen. Idealerweise auch nicht im medizinischen Bereich des Krankehauses, sondern in der Gebär-Oase (heißt wirklich so), wo alles wunderschön ist und man eine Art Hotelsuite zum Entbinden hat, mit freistehender Badewanne, extra gemütlichem Bett und Naturgeräuschen. Naja. 

Mir war alles egal. Ich war viel zu beschäftigt mit den Wehen. Hört doch mal kurz auf, wollte ich sagen, ich muss nachdenken. Aber natürlich ging die Berg- und Talfahrt immerzu weiter. 

Der Anästhesist war ein kleiner alter Inder. Ich bekam ein geblümtes Nachthemd, das hinten offen war und nur wenige Minuten später piekste er mir eine Nadel ins Rückenmark. "Hee, wir kennen uns doch kaum!" wollte ich aus Spaß rufen. Danke, Lachgas. Ich war jedoch dazu verdonnert worden mich auf keinen Fall auch nur einen Millimeter zu bewegen. Sobald er dies ausgesprochen hatte gingen mir die seltsamsten Sachen durch den Kopf und ich musste mich so sehr zwingen nicht zu lachen, aufzuspringen, zu jodeln, Hampelmann zu hüpfen, dass ich mir fast die Lippe abbiss vor Anstrengung. Hebi dachte, das sei eine besonders gemeine Wehe und fuchtelte mit dem Lachgasschlauch vor meinem Gesicht herum, was nicht wirklich beim Zusammenreißen half. 

Kurze Zeit später passierte etwas magisches: Die Wehen waren weg. Mein Körper fühlte sich warm und wohlig an. Ich musste wohl von einem Ohr zum anderen grinsen, denn der Anästhesist nickte wissend. "Das ist nun Ihr neuer, allerbester Freund", sagte er und drückte mir eine kleine Fernsteuerung in die Hand. "Sobald die Betäubung nachlässt, einfach den Knopf drücken und ein neuer Schuss Flüssigkeit tropft ins Mark." Er hätte mir keine größere Freude machen können. "Nein", sagte ich, "SIE sind mein neuer bester Freund." Dann drückte ich seine Hand ganz fest und wurde fast schon sentimental als er sich schließlich verabschiedete. 

Der Nachteil am neuen Einzelzimmer war, dass ich unter ständiger Beobachtung stand. Direkt neben meinem Bett war ein kleiner Tisch mit Stuhl, an dem eine Hebamme saß. Das Gesicht mir zugewandt. Sie schaute abwechselnd mich und den Monitor an. Sie legte mir einen Katheter. Sie schloss einen Tropf an meinen Arm mit Wehenbeschleuniger an. Sie wies mich abwechselnd an, mich auf die linke oder rechte Seite zu drehen um das Baby aufzuwecken. Das kleine Herz schlug sehr langsam. Etwas zu langsam. Ständig schrieb sie neue Zeilen in einen immer länger werdenen Report. 

Die Hebi war jedoch sehr nett. Ich schaffte es auch für eine Stunde zu schlafen in meiner neuen Wohligkeit. Dann philosophierte ich lang und breit darüber, warum sich Frauen heutzutage diese Geburtsschmerzen antun, wenn es doch so einfach ist totale Schmerzlosigkeit zu erreichen. Wem versuchen wir eigentlich etwas zu beweisen? Die Hebi schrieb, wahrscheinlich darüber, dass ich langsam den Plot verlor und faselte. 

Da das Baby-Herz nicht sehr gut auf den Wehenbeschleuniger reagierte, musste ein anderer Weg gefunden werden um die ganze Sache unter Beobachtung zu behalten. Hebi rief nach einem Arzt. Und wer kam? Natürlich, Dr.Whoopi-Wanda. "Imma gonna stick a clip on baby head!" rief sie und streckte auch schon wieder den Arm nach meiner armen Geburtskiste aus. Dem noch ungeborenen Baby sollte also eine Sonde in den Kopf gesteckt werden um den Herzschlag zuverlässig zu hören. Die ganze Sache gefiel mir überhaupt nicht, doch Dr. W-W versicherte mir, dass es nur der Sicherheit und dem Schutze des Babys diente. Ihr Zeigefinger wackelte mit ihrem Kopf um die Wette. Also gut. 

Wenige Momente später hatte ich nicht nur den Katheter aus meiner Privatzone hängen, sondern auch noch ein Kabel. Und das verrückte war, jedes Mal wenn Baby den Kopf drehte, bewegte sich auch die Leitung. Mein Kind hatte ein Loch im Kopf, Ich fühlte mich der Ohnmacht nahe und drückte schnell den Knopf nach einem weiteren Schuss Betäubungsmittel. Pfffffschhhh.

Es wurde dunkel, ich dümpelte irgendwo zwischen Schlaf und Wachigkeit. Hebi war abgelöst worden von einer anderen Hebamme. Es war die knarzende Stimme von Dr. W-W, die mich wieder ins Bewusstsein brachte: "Imma gonna have a look!"
Die Frau war besessen mit meiner Unterseite. Wieder war es ihre Hand mit dem wackelnden Zeigefinger, die auf Entdeckungsreise zum Mittelpunkt der Erde ging. "All da way!" rief sie erfreut. Das waren wirklich gute Nachrichten. Die Warenausgabe war nun weit genug geöffnet, so dass die lang ersehnte Lieferung erfolgen konnte. 
Meine Erinnerung lässt mich hier etwas im Stich. Ich bin davon überzeugt, dass man nach der Geburt geblitzdingst wird, um alles zu vergessen. Das ist das große Geheimnis der Krankenhäuser, dafür zu sorgen, dass die Menschheit nicht ausstirbt und auch noch nach der traumatischsten aller Geburten fleißig Nachkommen zeugt.

Aber viele der Geschehnisse sind mir auch jetzt noch frisch in Erinnerung, oder wurden mir nachträglich vom Gatten erzählt. Der Ärmste war ja nicht auf Droge, sondern musste alles live miterleben. Nach so einem Ereignis hat man wirklich überhaupt keine Geheimnisse mehr voreinander. 

Falls jemand nicht so gut mit Berichten über Nadeln oder Blut umgehen kann, lasst das Lesen lieber bleiben. 

Die Wehen mussten mittlerweile wirklich schlimm sein, denn ich spürte trotz PDA einen furchtbaren Druck auf mein Hinterteil. Fast fürchtete ich, das Kindelein würde den falschen Ausgang nehmen. 

Dr. W-W war mit meinem Geburtskanal zufrieden. Weniger zufrieden jedoch mit den kindlichen Herztönen. Sie rief noch ein paar Leute dazu, und verkündete mir, dass es jetzt ans Eingemachte ginge. Ich hätte zehn Minuten um das Baby rauszupressen. Wenn es nicht gelänge würde das Baby mit der Geburtszange zu seinem Glück gezwungen werden. 

Der Gedanke an Whoopi-Wanda, wie sie mit einer Grillzange in mir herumstocherte beflügelte mich ganz ungemein. Ich Pssscchhhhte noch etwas Wundersirup in mein Rückenmark, spuckte gedanklich in die Hände und presste mal probeweise ein wenig herum. "Halt, jetzt doch nicht!" rief eine der Hebammen. "Erst mit der nächsten Wehe!" Na, das hätte ja einem mal jemand erklären können. 

"Don't tell the girl how to push! Girl knows how to push, hmm mmh!" wies Dr. W-W die Hebi zurecht und wackelte mit dem Kopf. Und zu mir: "Go, gimme a push." Und ich pushte. Ich pushte so sehr, wie ich in meinem Leben noch nicht gepusht hatte. Ich pushte so sehr, dass Babys Kopf innerhalb von wenigen Sekunden am Fenster erschien und erstaunt ins Licht blinzelte (ok, das mit dem Blinzeln ist erfunden. Von meiner Position aus konnte ich das unmöglich sehen). Einen Atemzug später kam auch schon der Rest ganz von alleine rausgerutscht, und bevor ich mich versehen konnte hatte ich ein blutiges, verschmiertes Bündel auf meinem Bauch liegen. 

Im Film sieht man ja immer, wie tiefstes, inniges Glück durch die verschwitzte Gebärende flutet und sie sofort das perfekt geformte, rosa farbene Baby abknutscht. 
In Realität war es bei mir eher so:

Gedanke Nummer 1 - Oh mein Gott, ein Alien!
Gedanke Nummer 2 - Iiih, was ist das schmierige Zeug, das will ich eigentlich nicht an meine Hände bekommen, deswegen halte ich das Alien, äh Kind mal besser nur mit meinen Handgelenken fest, bis es ein wenig abgeputzt ist. 
Gedanke Nummer 3 - Ob ich wohl genäht werden muss?

Der Gawjus kappte die Nabelschnur, während ich einfach nur diesen mir komplett unbekannten kleinen Menschen anstarrte. Und der kleine Mensch starrte mit riesigen, wachen Augen zurück. 
"Imma gonna get this placenta out!" rief Dr. W-W und schon bekam ich eine Spritze in den Schenkel, presste noch einmal und mein Inneres stülpte sich buchstäblich nach außen. Mir fiel irgendwann auf, dass an meinem anderen Ende geschäftiges Schweigen und schnelle Handgriffe stattfunden. 
"Muss ich genäht werden?", fragte ich. 

"Ähmm", antwortete eine junge Hebi, "Das wissen wir noch nicht." Anscheinend war die Sicht versperrt, da sich mit der Plazenta noch ein Sturzbach an Blut abgelöst hatte. Mehr Leute betraten bemüht langsam den Raum und an meinem Fußende hatte sich eine beachtliche Zuschauermenge eingefunden, die mein Trümmerfeld betrachtete als wäre ich ein Flachbildschirm auf dem eine Naturkatastrope live gesendet wurde. Noch während ich "Wie geht's uns denn?" fragen wollte, wurde mir schwummerig und kalt. So kalt. Ich bat den Gatten schnell das Baby zu nehmen, denn sollte ich ohnmächtig werden, dann sicher nicht mit meinem Kind im Arm. 

Es kam Bewegung in die Zuschauer. Mit einer dicken Nadel stach mir jemand mitten in den Arm zwischen Handgelenk und Ellbogeninnenseite. Ich weiß noch, dass ich entgeistert die Kanüle betrachtete, die an solch ungewöhnlicher Stelle platziert zu sein schien. Mein Blutdruck hatte ich wohl zur Abwechslung mal in die andere Richtung begeben und ich fing an zu faseln. Laut Gatte sagte ich: "Nein danke, ich möchte wirklich keinen Nachtisch."
Ein fremder Typ betrachtete nachdenklich meine Füße. Ich trug schicke Trombosestrümpfe, doch mein linker großer Zeh hing aus dem Loch an der Fußspitze. "Och wie süß, er rückt mir die Strümpfe zurecht", dachte ich noch. Da hatte er schon zugestochen. Mit einer Nadel. In meinen großen Zeh. Blutzucker wollte er messen, das weiß ich jetzt. Aber im Halbdelirium fand ich das einfach nur gemein. 

Ich lag für gefühlte Ewigkeiten da, die Beine immernoch in Geburtsposition, Leute auf- und ab laufend. Die junge Hebi flickte mit Nadel und Faden ein paar Risse in meinem Hautanzug. Meine Augen fielen zu, doch ich hielt mich krampfhaft wach. Was für eine Rabenmutter wäre ich, die ersten Lebensstunden meines Kindes zu verschlafen? 
Der Gattw hatte den brandneuen Inselbewohner gesäubert. Er wurde gewogen, mickrige 2370g und gemessen, mickrige 46cm. Der erste Strampler, den ich in irgendeiner weiser Voraussicht extra eine Größe kleiner als Neugeboren gekauft hatte, war trotzdem viel zu groß.

Als mein Blutdruck wieder in normalen Sphären schwebte konnte ich wieder das Baby halten. Er war perfekt. Alles dran, nur mickrig. Die Beine wie so Hühnerfüße mit Falten. Als wenn die Haut noch viel zu groß für das kleine Wesen wäre. 
Aus Nacht wurde Tag, Dr. W-W ging nach Hause, also waren endlich meine Lady Bits sicher. Der Gatte holte Kaffe und Baby lag auf dem Wärmebett, als plötzlich sein Wimmern an mein Ohr drang. Dieses Baby brüllte nicht, es war nur zu einem winzigen Wimmern fähig. 
Da-da-da, Super-Mum! Mein Kind brauchte mich. Wie ein geölter Blitz (altes Mütterchen) schälte ich mich aus dem Bett. Siehe da, mein linkes Bein hatte den Betrieb wieder aufgenommen. Es war durch die PDA in der Nacht zeitweise komplett nutzlos gewesen. Langsam schlurfte ich in Richtung Wimmern, wurde aber durch etwas zurückgehalten. Ach ja, der Katheter. Umständlich löste ich den Urinbehälter vom Bettgestell, wickelte noch eine Decke um meinen Körper, mir fiel nämlich auf dass ich splitterfasernackt war. So machte ich mich auf den Weg und erreichte nach ein paar Metern, die sich wie Kilometer anfühlten, meinen Sohn. 

Die Hebamme, die den Raum betrat staunte nicht schlecht. Da stand ich, das Leintuch wie eine römische Toga um mich gewickelt, mit dem Urinbehälter, dämlich grinsend mein Baby betrachtend. Kopfschüttelnd scheuchte sie mich zurück zum Bett und befahl mir ja liegen zu bleiben. Ich würde erst noch ein paar Bluttransfusion benötigen, bis ich zu Ausflügen irgendeiner Art in der Lage sein würde. 

Ich weiß nicht wessen Blut es war, das in meinen Arm gepumpt wurde, aber ich stellte mir vor es sei das eines Extremsportlers. Mit jeder Minute fühlte ich mich nämlich kräftiger und fitter. Außerdem war ich am verhungern. Ich stopfte eine ganze Rolle Pringles in meinen Hals, danach beantragte ich eine Dusche. Es klebte immernoch Geburtsblut an meinen Handgelenken, vom ersten Kontakt mit dem Baby. Auf den Zustand meiner Beine und generellen Unterkörpers möchte ich mal gar nicht eingehen, aber als ich endlich ins Badezimmer unter die ersehnte Dusche durfte, zog ich eine Blutspur hinter mir her. 

"Jetzt sollten wir aber mal das Baby füttern", meinte die Hebamme, als ich wieder in meinem Bett geparkt war. Oh Gott, Rabenmutter des Jahres. Es war mir gar nicht aufgefallen, dass mein Kind noch überhaupt nichts zu sich genommen hatte. War das normal? War das schlimm? Die Hebamme schien sich jedoch nichts dabei zu denken. Sie nahm das Baby und trat an meine Seite. 
"Links oder Rechts?" fragte sie. 
Ich hatte nichts die gerinste Ahnung, was sie meinte. 

Aha! Die Glanzstunde meiner Brüste war endlich gekommen. 

Seit fast zwei Jahrzehnten hatte ich Mutter Natur verflucht, weil sie bei der Vergabe der Oberweite bei mir gleich eine Vierfachportion auf den Genteller geschöpft hatte, die Beilage der Körperlänge aber komplett unter den Tisch fallen ließ. Riesenmöpse sind sehr unpraktisch. Der Kauf von Oberbekleidung kann einen da schonmal in den Wahnsinn treiben. Wenn sich die Bluse endlich zuknöpfen lässt, sind die Ärmel drei Meter zu lang. Im hochgeschlossenen Kleid sieht man aus wie ein Pornostar, im Ausgeschnittenen sowieso. Auch die Schwangerschaft hatte nicht hilfreich dazu beigetragen und mir sowieso schon gut bestückter Person noch ein, zwei zusätzliche Körbchengrößen beschert. Ein neuer Tiefpunkt war erreicht, als ich am Esstisch mit der Brust ein Stück Pizza von meinem Teller fegte, und im Bus unbeabsichtigterweise mit Oberweite den Stopknopf drückte. Letzteres führte dazu, dass ich einige Haltestellen zu früh ausstieg, um mich nicht zu blamieren. 

Jetzt aber los, seid endlich zu etwas nütze, dachte ich, als ich versuchte meinem Baby endlich die notwendige Nahrung zukommen zu lassen. Doch Blutverlust und Flüssigkeitsmangel hatten mich ausgetrocknet wie eine Dörrpflaume. Es war nichts zu holen. Der kleine Kerl hatte dazu auch keine Ahnung was er machen sollte und schluchzte herzzerreißend. Ich hatte noch viel weniger Ahnung was ich machen sollte, und blickte die Hebamme hilfesuchend an. 
"Haben Sie Ersatzmilch dabei?" Ersatzmilch, selbstverständlich nicht. Ich dachte doch, dass Mutter Natur in den letzten Monaten eine schicke Milchbar eingerichtet hatte. Freier Eintritt und so viele Milkshakes wie man sich nur hinter die Binde schütten konnte. All you can drink. 

Mein Gatte sprintete zum nächsten Supermarkt und kaufte sogenannte Formula, ein fertiggemischter Muttermilchersatz. Durch einen dünnen Schlauch in den Mund wurde das Baby zunächst zufriedengestellt. Danach erfolgte der Auszug aus dem Entbindungszimmer. Erneut packte ich meine Sachen und schob den Behälter mit dem Baby durch den Korridor in ein... Viererzimmer. Schon wieder. Die berühmten blauen Vorhänge teilten den Raum in vier Zellen. Statt der Geburtseinleitungsgesellschaft waren hier nur frischgebackene Eltern, Säuglinge, und jede Menge Besucher. Die Raumtemperatur betrug 48 Grad im Schatten und es gab keine Fenster. Die Zellennachbarn gegenüber stachen ganz besonders auffällig durch ein sehr stimmliches Neugeborenes heraus. Es schrie ohne Unterbrechung. Wäh! Wäh! Wäh! Wäh! Wäh! Wäh! Wäh! Wäh!

Dachte ich, dass meine Würde in der Nacht zuvor schon auf Nimmerwiedersehen verloren gegangen war, so erfuhr ich jetzt noch einmal Behandlung ganz spezieller Art. Ich hatte nämlich zwei Hebammen, die an meinen Brüsten herumdrückten um ihnen auch nur die geringste Menge an Flüssigkeit zu entlocken. Ohne Erfolg. Sie hielten das Baby zu zweit, hielten seinen Kopf wie in einem Klemmeisen und versuchten ihn an mich anzulegen. Ohne Erfolg. Er wimmerte und schluchzte, was mir im Herzen weh tat. Lieber wieder Formula. 

Wer mitgezählt hat, weiß dass dies nun die vierte Nacht im Krankenhaus werden sollte. Und auch diese blieb schlaflos. Das Wäh! Wäh! Wäh! Baby hörte nicht auf. Seine gestressten Eltern klingelte alle paar Minuten nach der Hebamme. Mein Baby wimmerte genervt und war hellwach. Ich bereute, dass ich den Gatten wieder zum Schlafen nach Hause geschickt hatte. Alle zwei Stunden flößte ich meinem Kind Formula ein. Dazu musste ich erst zum stationseigenen Kühlschrank humpeln (Ich fühlte mich, als wäre ich angefahren worden), 20ml Formula in einen Messbecher füllen, wieder zurück zu meiner Zelle humpeln, zum Waschbecken humpeln, warmes Wasser in einen Becher füllen, meine Hände waschen, wieder zurück zur Zelle humpeln, den Messbecher für eine Weile in den Becher mit warmem Wasser stellen, einen kleinen Schlauch mit Klebeband an meinem Finger befestigen, das Ende des Schlauches in den Messbecher stecken, meinen Finger in den kleinen Babymund stecken, durch sanftes Wackeln den kleinen Kerl zum Saugen animieren, die 20ml im Kindchen versenken, ihn durch leichtes Täscheln zum rülpsen animieren, das Baby wickeln, wieder in den Behälter legen, zudecken, den Schlauch enfernen, und zusammen mit dem Messbecher sterilisieren. Das ganze mit Wäh! Wäh! Wäh! als Hintergrundgeräusch in brütender Hitze. Und dann war es schon wieder soweit für die nächste Fütterung. 

Am nächsten Tag, Sonntag, war ich fertig mit den Nerven. So richtig. Hormone, Hitze, heulende Babys. Die Hebammen kamen zurück und quetschten wieder an meinen Brüsten herum ohne Erfolg. Das Baby fing an auszuflippen jedes Mal wenn es nur in die Nähe meines Nippels kam. Ich fing es an persönlich zu nehmen und verlor auch noch das letzte Bisschen an Würde: Ich heulte. Ich heulte so lange und so gründlich, dass es sogar in meiner Akte vermerkt wurde. "Patient very teary"

Die blauen Vorhänge machten mich klaustrophobisch, die Hitze ließ den Schweiß nur so an mir runtertropfen. Ich hatte in jedem Arm noch eine Kanüle stecken. Die Hebammen versuchten an mehreren Stellen Blut abzunehmen, aber ich war nach wie vor noch komplett ausgetrocknet. Das Wäh! Wäh! Wäh! Baby hatte immernoch nicht aufgehört. Ständig klingelte jemand wieder nach einer Hebamme und das ständige Ding-Ding-Ding der aufdringlichen Glocke raubte mir auch noch den letzten Verstand. 

Ich will nach Hause, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. "Ich will nach Hauuuusäääää", heulte ich. Die Hebi schüttelte belustigt den Kopf. "Ich.Will.Nach.Hause." beharrte ich. Und irgendwann "Ich gehe nach Hause!" Dabei war ich so bestimmt, verlangte den Manager, drohte mit sofortigem Aufbruch, packte meine Sachen, bis die Hebis nachgaben. Mein Gatte war eher besorgt, aber mit einer frischgebackenen Mutterfurie mochte er sich auch nicht anlegen. Nur kurze fünf Stunden Wartezeit später hatte ich endlich die Entlassungspapiere in den Händen, packte das Baby in den Autositz und weg waren wir. Es waren nur vier Tage und Nächte gewesen, aber sofort als frischen Sauerstoff um meine Nase wehte, fühlte ich mich, als hätte ich mich für einige Wochen in einer Höhle verlaufen und würde zum ersten Mal wieder das Tageslicht sehen. Als wir im Auto saßen wies ich den Gatten an noch kurz zu warten. Die Stille, die absolute Stille dröhnte in meinen Ohren wie tausend Presslufthämmer. Es war wunderbar. 

Zuhause angekommen fiel sofort der Stress ab. Ich warf den dämlichen Schlauch und Messbecher in den Müll und füllte die 20ml Formula in eine richtige Babyflasche. Das Kindchen saugte so eifrig und dankbar, dass mir schon wieder die Tränen kamen. Scheiß Hormone. Aber dieses Mal Tränen der Erleichterung. Und als wir so auf dem Sofa im Wohnzimmer saßen, das Baby friedlich schlummernd, da stimmte auch mein Gatte zu, dass es die richtige Entscheidung gewesen war das Krankenhaus zu verlassen. Jetzt konnte das Leben losgehen.

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Kommentare: 10
  • #1

    Johanna (Freitag, 30 Juni 2017 09:48)

    Ich sitze gerade neben der Federwiege mit einem lauwarmen Kaffee in der Hand und eigentlich ruft mich die Hausarbeit aber jetzt musste ich erstmal den Geburtsbericht zu Ende lesen! Ich habe mehrmals lauthals gelacht, was ein sofortiges anstupsen der Federwiege zur Folge hatte...Mal ein ganz anderer Geburtsbericht und trotzdem richtig schön. Falls es irgendwann ein Geschwisterchen geben sollte, würde ich diesen Bericht auch nur zu gerne lesen!!! Wirklich super geschrieben �

  • #2

    Anjana_Babywearingmom (Freitag, 30 Juni 2017 10:18)

    Was für ein traumatisches Geburtserlebnis und das so herzerfrischend verpackt, dass man sogar noch drüber lachen kann. Total super geschrieben. Auch ich habe herzhaft lachen müssen. Gleichzeitig tut es mir aber doch leid für dich, wie alles ablief. Alles gute weiterhin!

  • #3

    Dorle (Freitag, 30 Juni 2017 10:19)

    Danke für den Bericht, und den Einblick in eine englische Geburt! Aber was ist denn nun ein sweep...:)

  • #4

    Laura (Freitag, 30 Juni 2017 12:02)

    Liebe Sarah, ich hab gelacht, ich hab geheult - da war alles drin! Großes Kino! �

  • #5

    Adelaida (Freitag, 30 Juni 2017 12:30)

    All die Strapazen haben sich gelohnt! Was für ein süßes kleines Menschenwesen! ❤

  • #6

    Melli (Freitag, 30 Juni 2017 12:48)

    Oh Gott, ich habe so mitgefühlt und es gab so viele Stellen die mich an unsere Geburt beziehungsweise an die Tage im Krankenhaus erinnert haben, zu guter Letzt habe ich uns auch selbst entlassen und es war die beste Entscheidung die ich treffen konnte. �

  • #7

    Kathi (Freitag, 30 Juni 2017 14:05)

    @Dorle #3
    Ich vermute hinter sweep die "Eipollösung". Ist auch hier in Deutschland nicht ganz unumstritten und sollte nie ohne Zustimmung der Mutter geschehen.

  • #8

    Nina (Freitag, 30 Juni 2017 17:52)

    Liebe Sarah,

    ohne Scheiß, ich habe noch nie so einen coolen Geburtsbericht gelesen! Und mittlerweile habe ich schon einige gelesen...

    Ich habe Tränen vergossen vor Lachen (dafür komische Seitenblicke von schlafenden Katzen geerntet) und auch ein paar vor Rührung.

    Vielen Dank fürs Teilen dieses besonderen Erlebnisses.
    Und danke Irina fürs Veröffentlichen.

    Liebe Grüße,
    Nina

  • #9

    Lindis (Samstag, 01 Juli 2017 09:38)

    Was hab ich gelacht! Die vierbettzimmer des NHS sind echt die Hölle. "Patient very teary" bekam ich auch - anscheinend darf man nicht frustriert sein von den unnachgiebigen, ständigen breast feeding pushers!

  • #10

    Simone (Donnerstag, 06 Juli 2017 11:36)

    Danke mal ein ganz anderer Bericht, musste teilweise lachen aber war trotzdem heftig, was Du durchgemacht hast! Danke und herzlichen Glückwunsch!