Wurzeln und Flügel

Heute stand im Kindergarten der 1. Ausflug an. Zu Fuß zum ein Kilometer entfernten Eismann. Als ich meine fast 3jährige Tochter dort ablieferte, war mir schon mulmig zumute. Aber hey, Abnabelung ist Teil des Spiels. Während ich also mein Mantra „Wurzeln und Flügel“ aufsagte, sah ich mich um.

Ein paar Mütter stellten sich zu Grüppchen und während den Kids die Hausschuhe angezogen wurden, schwappten einzelne Gesprächsfetzen zu mir rüber.

„Ich hatte davon überhaupt nichts gewusst.“

„Wir sind gar nicht vorbereitet.“

„Tom rennt immer urplötzlich auf die Straße.“

„Die Strecke schafft Marie noch nicht. Ich hole schnell den Buggy.“

Und ich hockte da im Flur, hatte mich bereits von ihr verabschiedet und biss mir auf diese Stelle an der Zunge, die da hinten links. Jetzt nicht weinen. Da saß die kleine Maus und frühstückte.
Vollkommen frei von Ängsten und erfüllt mit Vertrauen. Sie beobachtete wie ich, das aufgeregte Treiben. Immer mehr Mütter kamen.
Ich konnte nicht einfach nach Hause gehen und verzog mich unauffällig in den Hintergrund.
Die eine Mama sprach ihre Bedenken dann laut aus und schlug vor, schnell einen Buggy zu holen.
„Lasst Eure Kinder doch mal laufen, dass schaffen die schon!!“ kam als Antwort.

Naja, dachte ich. Das kleine Mädchen ist erst zwei Jahre alt und sehr, sehr zart. Ich würde es ihr auch nicht zutrauen. Aber wenn die Erzieherin das sagt. Die hat da mehr Erfahrung. Aber kennt eine Mutter ihr Kind nicht am besten und kann es und seine Fähigkeiten einschätzen? Muss man als Mutter auch mal aus er Komfortzone gelockt werden? SInd wir nicht alle irgendwie verkappte Glucken?

Die Kleine bemerkte die Sorge ihrer Mama und wirkte verunsichert. Auch Tom merkte, dass seine Mutter richtig Angst hatte.


Die Situation war wie aus dem Lehrbuch. Unsere Kinder, die Spiegel unserer Seelen.


Sie verteilen neonfarbene Mützen an alle und bliesen zum Aufbruch. Voller Vorfreude reihte sich mein Baby in die Kinderschlange ein und ich sah in ihrem Blick: Stolz #ohneMama #alleine und in Druckbuchstaben: #EIS

Also verschwand ich, bevor sie mich bemerken konnte, nach draußen.
Die Tränen liefen mir über die Wangen, als die aufgeregten Stimmen der anderen Mütter leiser wurden und sich schließlich mit einem Knall die Tür schloss.
Und mit der Stille war es plötzlich in meinem Kopf sehr laut: Warum gehe ich einfach? Warum habe ich anders reagiert? Obwohl ich doch deren Ängste teile. Kümmere ich mich zu wenig? Ist es meine Pflicht die Erzieherinnen und ihre Plänchen zu hinterfragen.

Ja ist es. Aber das läuft ja in Millisekunden ab. Es geht um Vertrauen.
Ich vertraue ihnen mein Kind an. Nicht zu 20,40, oder 80% sondern ganz.
Und ich vertraue meinem Kind.  Das tat ich schon, da war es noch in meinem Bauch. Gegen alle Ärztestimmen beschwor ich: „sie macht das schon.“

Meine Kindheit bestand aus einer Blase voll Angst. Und ich habe sie schon mit der Muttermilch zu mir genommen. Selbst eine lange Therapie konnte mich nicht „heilen“. Aber ich konnte es verstehen. Ich kann mich selbst nicht retten. Aber ich kann mein Kind davor beschützen. Angst ist nicht immer schlecht. Manchmal rettet sie Leben. Es ist wie immer im Leben: „Die Dosis macht das Gift.“

Ich liebe mein Kind und der Teil mit den Wurzeln, fällt mir wirklich leicht.
An den Flügeln arbeite ich jeden Tag. Und heute, ja heute war ein Guter Tag, denke ich.

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Kommentare: 14
  • #1

    Zhunami (Dienstag, 13 Juni 2017 12:54)

    Du kannst stolz auf dich sein, dass du das loslassen geschafft hast. Es ist unglaublich wichtig, dass dein Kind nicht nur dir vertraut, sondern dass du auch deinem Kind vertraust und ihr vorallem etwas zutraust.

  • #2

    Leyla (Dienstag, 13 Juni 2017 12:56)

    Ganz großartig !!!! Du bist genau die Mutter, die ich mir im Kindergarten wünsche - ich hab auch immer das Gefühl ich sei eine Rabenmutter - stimmt aber nicht! Eher sind die anderen 'etwas' - nämlich Glucken ! Ich bin überzeugt davon, dass wir das gut machen und richtig ! Richtig vielleicht nicht in aller Augen - aber in unseren und in denen unserer Kinder!!
    Danke Lieblings Massa für den tollen Artikel ❤️

  • #3

    Carmen (Dienstag, 13 Juni 2017 13:04)

    Richtig toll geschrieben!
    Meine Tochter ist erst 4 Monate alt aber wenn ich mir vorstelle in solche Situationen zu kommen spüre ich schon jetzt ein Stich im Herz

  • #4

    Sonja (Dienstag, 13 Juni 2017 13:14)

    Bitte bitte mach das genau weiter so. Ich bin die von der anderen Seite. Ich bin eine Krippenerzieherin. Bitte traut euch und vor allem euren Kindern mehr zu. Ihr würdet staunen welche Entfernungen die Kinder ohne Mama und Buggy schaffen können. Ich wünsche mir mehr solcher Mamas.
    Gruß aus Hamburg

  • #5

    Marina (Dienstag, 13 Juni 2017 13:20)

    Richtig gut geschrieben und gut gemacht.

  • #6

    Pandaelfenhausen Saskia (Dienstag, 13 Juni 2017 13:49)

    Ich kann dich so so so verstehen! Und auch ein wenig die anderen Mütter... aber manchmal denke ich auch, wir sollten an kleinen Stellen loslassen. Du hast in meinen Augen genau richtig reagiert! Und weißt du was? Es wird noch tausende solcher Situationen geben und wir werden daran wachsen :)

  • #7

    Kamatilimi (Dienstag, 13 Juni 2017 14:31)

    Ein toller Beitrag! Ich teile deine Meinung zu 100% und bin froh, dass es Mütter wie dich gibt. Ich musste dieses loslassen auch erstmal lernen und es fällt mir auch beim 3. Kind noch schwer. Aber es wird. Und ist so wichtig!

  • #8

    Nadine (Dienstag, 13 Juni 2017 14:57)

    ❤❤❤

  • #9

    leas_mama_30 (Dienstag, 13 Juni 2017 15:23)

    Liebe Irina,

    danke für diesen tollen Beitrag. Dieses Gefühl kenne ich auch noch von der Kindergartenzeit. Ich war auch immer recht aufgewühlt bei irgendwelchen Ausflügen,aber ich habe es meiner Tochter nicht anmerken lassen,denn sie war immer so stolz. Dein Verhalten war genau richtig. Deine Tochter war stolz und hat sich gefreut und hatte überhaupt keine Bedenken. Meine Tochter fährt im September das erstmal für 3 Tage auf Klassenfahrt und wenn ich daran denke habe ich einen riesigen Knoten im Bauch und viele Ängste schiessen mir durch den Kopf. Aber auch da muss und werde ich auf sie vertrauen und vorallem auf die Lehrerin.
    Ich drücke dich

  • #10

    Bine (Dienstag, 13 Juni 2017 17:44)

    Richtig gemacht! Es ist doch irgendwie immer so, dass den Kindern nichts mehr zugetraut wird. Deshalb werden sie warm (zu warm??) eingepackt, haben Regenklamotten an, werden im Buggy geschoben usw. Aber ein Kind, dass keinen Regen spürt, weiß nicht, wozu die Regenjacke gut ist. Ein Kind, das nicht mal frieren darf, weiß nicht, wozu der Schneeanzug da ist.
    Lasst eure Kinder doch mal nass werden, hinfallen oder frieren. Meistens passiert nichts schlimmes.

  • #11

    Christina (Dienstag, 13 Juni 2017 20:13)

    Wenn ich das schon immer lese: Glucken. Kein Vertrauen.

    Damit rechtfertigen sich die Mütter, die eben anders sind. Die vielleicht eine weniger intensive Bindung zu ihrem Kind haben oder eben besser loslassen können.

    Wie fair ist das bitte? Wie sozial ist es, dass es immer heißt "die Glucken" oder "die, die ihre Kinder nicht lieben" usw.?
    Fast euch doch bitte einmal an den Kopf und fragt euch ganz ernsthaft wie viel recht ihr dazu habt irgendeiner Mutter irgendetwas abzureden. Ganz besonders das Gefühl, was eine Mutter hat. Es ist ihr Gefühl. Ihr ganz eigenes Inneres, was da aufschreit oder eben gelassen ist.
    So manch ein Kommentar ist wirklich respektlos anderen Menschen gegenüber.

    Und zu dir: ich glaube, dieses Gefühl, was dich da heute beschlichen hat, resultiert aus einem Urinstinkt - sein Kind, sein eigen Fleisch und Blut beschützen zu wollen. Das ist doch absolut nicht verkehrt. Und richtig gut ist sogar, dass du dich und deine Gefühle reflektiert hast. Was du letztendlich daraus machst und, ob es gut oder schlecht ist, das entscheidest du ganz allein. Nur du kannst dein Handeln in solchen Situationen verantworten.

    Ich persönlich bin absolut gegen Fremdbetreuung unter 3 Jahren - habe selbst zwei Kinder mit geringem Altersabstand (10/2014 & 07/2016), darunter eben auch Baby mit Gendefekt und wirklich nervenraubenden Symptomen. Wie oft ich mir denke, dass es doch viel einfacher wäre die Kinder in die Kita zu geben. Aber no way.
    Ich bin selbst nur ganz kurz in der Kita gewesen als Kind und fand es schrecklich, dass ich mich immer fügen musste. Da waren meine Bedürfnisse egal. Viel schöner fand ich die Zeit danach ohne Kita. Was sind wir nicht die ganze Zeit durchs Dorf gezogen und haben tolle Sachen erlebt ...
    Wer kann, dem empfehle ich das gern und nenne meine Beweggründe.

    Andersherum: Wer nicht kann und Kita wichtig findet, dann ist das so. Das ist aber genauso wenig schlecht wie mein Weg. :)
    Ich hoffe, das Eis hat ihr geschmeckt.

  • #12

    Denise (Dienstag, 13 Juni 2017 20:29)

    Ja! Heute war ein guter Tag!

  • #13

    Anne (Dienstag, 13 Juni 2017 22:34)

    Hallo! Kann dich nur bestätigen. Ich habe jetzt 3 Kinder und bei allen sehr früh begonnen ohne Buggy überschaubare Strecken zu gehen. Im Kindergarten ist "Gruppendruck", da nehmen die Großen Kleinere an die Hand, es wird gesungen, gemeinsam beobachtet, pausiert und motiviert. Ja, sie schaffen es. Nie im Leben würden sich die Betreuer so ein Mammutprojekt "auflasten", wenn sie befürchteten, dass sie alle tragen müssten??? Ich seile mich auch immer ab, nicht weil mir meine Kinder egal sind, mir ist das (teilweise unbegründete) Gejammer egal. Und bei den Feedback Gesprächen im Kindergarten merke ich schon, dass DIE meine Kinder sehr wohl gut kennen. Stärken erkennen, wo ich manchmal vor lauter Sturm und Drang nur noch Trotz spüre. Bleib wie du bist, machst nen guten Job, Massa

  • #14

    Tanjazzzzzz (Mittwoch, 14 Juni 2017 20:59)

    Perfekt gelöst! Hut ab! Bin ganz bei Dir! Und es ist sauschwer! Ich lerne auch jeden Tag dazu, bei einem Schulkind gibt es Sprünge in Siebenmeilenstiefeln��