Geburtsbericht der lieben Lindis @msasimov

Ich wohne seit zehn Jahren in Schottland und bin mit einem Schotten verheiratet. Dieses Kind ist unser erstes und wir waren sehr aufgeregt. In Schottland ist die Schwangerschaftsvorsorge komplett Hebammensache es sei denn man ist ein Risikofall. Die Schwangerschaft verlief bis auf eine Lungenentzündung in den Wochen 16-20 gut. Am 21. März war Termin, aber es tat sich nichts. Ich habe alles versucht - Tee, Sport, Nachtkerzen-Öl... am 25. Kam meine Mama zu Besuch, aber statt Enkelkind gab es nur maulende hochschwangere Tochter. Am Abend schauten wir einen Film als mir plötzlich kotzübel wurde. Flugs gab es dann Erbrechen und Durchfall. Super, das könnte der Wehenbeginn sein dachten wir noch. Dem war aber nicht so, sondern ein Magen-Darm-Infekt der Sonderklasse, wahrscheinlich Norovirus. In den nächsten 12 Stunden übergab ich mich alle 15 Minuten und war am sonntag morgen völlig dehydriert. Ich wurde von der Notfallpraxis ins Krankenhaus eingewiesen und dort aufgenommen. Weil ich ein Infektionsrisiko war bekam ich ein Einzelzimmer. In den nächsten 16h (Nachmittag und über Nacht) bekam ich 4 Liter Flüssigkeit über einen Zulauf mit regelmäßigem CTG. Am Montag morgen ging es mir wieder besser und es wurde entschieden mich einzuleiten, da ich zu dem Zeitpunkt bereits 40 + 6 war und zudem alle - ich eingeschlossen- einfach ein ungutes Gefühl hatten. Das sollte sich noch als berechtigt herausstellen. 

Ich bekam also gegen 11 das erste Prostaglandin. Ich ging mit Mama und Mann etwas in der Sonne spazieren, wir aßen Mittagessen und es machten sich recht bald Wehen bemerkbar. Um 15h musste meine Mama leider wieder gehen um ihren Flug nicht zu verpassen. Mein Mann und ich spielten Schiffe versenken und warteten auf die Hebamme. Die kam gegen 17h, untersuchte mich und sagte ich könnte jetzt in den Kreißsaal verlegt werden für den Hormontropf. Während wir unsere Sachen packten bemerkte mein Mann wie ihm der Magen rumorte... wir hofften aber auf Fehlalarm. Im Kreißsaal gab es dann den Tropf und die Hebamme versucht meine fruchtblase zu sprengen. Die erste schaffte es nicht und bat um Hilfe. Die zweite meinte ich sei bei 4cm und sprengte die Blase - und behielt dann ihre Hand drin um das Wasser rauszulassen! Das empfand ich als extrem schmerzhaft und meine Geräusche waren eher nicht salonfähig. Zu dem Zeitpunkt hatte ich nur Lachgas, was in Schottland das gaining Schmerzmittel bei Geburten ist. Ungefähr eine halbe Stunde nach dieser Tortur wurde meinem Mann richtig schlecht und wir mussten uns eingestehen dass der Infekt der mich ins Krankenhaus gebracht hatte nun ihn erwischt hatte. Er musste gehen. Die Hebamme versicherte uns dass die Einleitung wahrscheinlich eh lang dauert. Ich bekam etwas Panik und sagte ich würde dass nicht ohne ihn schaffen. Wir riefen eine gute Freundin an, die kam um mir Gesellschaft zu leisten. Während sie unterwegs war bat ich um eine PDA, denn die Wehen waren jetzt doch schon recht heftig. Der Anästhesist kam nach 15min und in 5min lag das Ding - super. Da ging es gleich besser. Meine Freundin kam und wir unterhielten uns gut. Doch dann wurde die Hebamme unruhig - die Herzfrequenz des Kindes sackte immer wieder und zwar nicht während, sondern zwischen den Wehen. Die Ärztin kam, der wehentropf wurde ausgemacht und ich lag eine Weile auf der linken Seite, aber es stabilisierte sich nicht. Sie orderte also eine Untersuchung, das war um 23:30. Da waren es schon acht Zentimeter. 
Auf einmal sagt die Hebamme "oh, da ist Meconium..." Die Ärztin steckt ihre Hand rein, schaut plötzlich besorgt, murmelt etwas zur Hebamme, beide schauen nochmal und dann heißt es "tut uns leid, aber Ihr Kind ist in Beckenendlage und Sie brauchen jetzt sofort einen Notkaiserschnitt" Das war hart zu hören, denn seit Woche 34 hieß es eigentlich das Kind läge richtig herum. Beim NHS gibt es aber ohne Indikation nach Woche 20 keinen Ultraschall mehr. Die Ärztin rasselte die Einverständniserklärung runter, ich nickte wie betäubt, die Anästhesistin kam und war froh dass schon einen PDA liegt. 
"Wie lang bis wir operieren können?" fragt die Gynäkologin. 
"20 Minuten."
"Machen Sie es schneller als 20 Minuten."
Bei dem Satz ging mir dann das Gesäß auf Grundeis. Ich hatte nicht mal Zeit meinen Mann anzurufen - nur eine kurze Facebook Nachricht. Im OP waren alle sehr freundlich und bemühten sich mich abzulenken während ich hin- und hergedreht wurde um die Narkose schneller zu verteilen. Meine Freundin durfte dann endlich auch rein und es ging los. Ich zittterte unkontrollierbar, versuchte aber trotz Todesangst noch Witzchen zu machen um mich abzulenken. Meine Herzfrequenz stieg bis auf 176, ich hatte das Gefühl nicht atmen zu können. Und ehe ich mich versah war er auch schon da und schrie sofort wie am Spieß. Die Erleichterung war riesig. Leider konnte ich ihn nichtnhalten, weil beide Arme festgeschnallt waren für alle möglichen medizinischen Dinge und weil ich so zitterte. Ich legte aber meine Stirn an seine und heulte wie ein Schlosshund. 
Nachdem ich zugenäht war konnte ich unseren namenlosen Sohn auch endlich halten. Ich wurde noch eine Weile überwacht bis meine Herzfrequenz sich wieder beruhigt hatte und kam dann in die Wöchnerinnenstation. Ich rief meinen Mann an und er sah seinen Sohn über WhatsApp das erste Mal. Er hatte es grade so nach Hause geschafft bevor er sich das erste Mal übergab. Wegen des Infektionsrisikos durfte er daher noch 24h lang nicht auf die Wöchnerinnenstation. Ich war also allein und das war schlimm. Wöchnerinnen sind im NHS nämlich in einem Vierbettzimmer mit Babies. Also vier heulende Frauen die oft keine Ahnung haben was sie machen müssen und vier heulende Babies. Alle anderen bekamen fleißig Besuch, ich wollte nicht dass andere Leute ihn vor dem Papa kennen lernen, verbrachte also quasi einen Tag und eine Nacht heulend allein, auf den Milcheinschuss wartend und am Rande der Verzweifelung. Großbritannien hat die niedrigste Stillrate der Welt, daher sind die Hebammen da schwer hinterher dass Mütter stillen - ich musst betteln um eine Flasche zu bekommen nachdem meine Milch auf sich warten ließ und das Kind schrie und bereits Harnsäurekristalle ausschied vor Dehydrierung.  Das half der Stimmung genauso wenig wie die wiederkehrende Erinnerung an diese Bemerkung der Gynäkologin. Jedes mal kurz vor dem einschlafen dachte ich ich sterbe und im Schlaf hatte ich dann Albträume über die OP. Zudem stellte sich heraus dass unser Sohn mit ausgerenkten Hüften geboren wurde und wir bekamen gleich einen Termin bei der Orthopädie wegen Verdacht auf Hüftdysplasie. Am Mittwoch Nachmittag konnte mein Mann endlich kommen und seinen Sohn treffen und am Donnerstag Abend durften wir endlich nach Hause. Die Albträume verfolgten mich noch gut eine Woche und ich hatte ständig wegen meiner Wunde Panik. Diese Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und die Sorge um das Kind waren wirklich hart. Beim Orthopäden stellte sich heraus dass die Hüftgelenke tatsächlich zu flach sind und Frank (wir hatten uns inzwischen endlich entschieden) muss 12 Wochen lang eine Spreizhose tragen und jede Woche zur Kontrolle ins Kinderkrankenhaus. Aber das ist alles nicht so schlimm - er ist da, ich bin da und alle sind okay.
Ich hatte extra keinen Geburtsplan außer "Das Kind wird sicher geboren und keiner stirbt." Das war auch gut so, denn alles andere wäre nicht passiert. Ich hatte natürlich immer angenommen dass mein Mann dabei sein würde, aber das war einfach Pech. Nächstes Mal verlange ich aber auf jeden Fall einen weiteren Ultraschall zur Positionsklärung - und offensichtlich war das Trauma nicht völlig überwältigend, denn ich denke immer noch an ein nächstes Mal :)

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Kommentare: 3
  • #1

    Monty_Maus (Freitag, 26 Mai 2017 07:29)

    Oh das geht aus Herz. Schön, dass Frank alles gut überstanden hat und ihr euch als Familie zusammengefunden habt . Ich finde es schön, dass du noch an weitere Kinder denkst. Jetzt weiß man ja was man für sich anders machen möchte im vorwege. Wie die Schwangerschaft und Geburt dann letztlich verläuft wird man vorher nie wissen, aber für das eigene Gefühl ist man besser vorbereitet und hat alles getan. Alles liebe für euch �

  • #2

    Chrissy (Freitag, 26 Mai 2017 18:56)

    Oh wie schaurig schön.Wie beängstigend das zu lesen und wie gut, dass es ein Happy End gab.Danke fürs teilen.

  • #3

    Lindis (Samstag, 27 Mai 2017 00:34)

    Monty_maus ja, das hat mich selbst erstaunt! Schon relativ bald, als es mir psychisch noch garnicht gut ging, war es eher "ich hoffe nächstes mal ist es einfacher" als "oh Gott, nie wieder!" Aber nicht allzu bald �
    Danke Chrissy :)