Geburtsbericht der lieben Nicole @mirali_3.0

Meine erste Schwangerschaft:  Ich war damals 20 Jahre jung. Viele würden heute sagen „viel zu jung“.

 

Ich habe gerade erst meine Ausbildung angefangen. Trotz der Schwangerschaft und der bevorstehenden Geburt organisierte ich mit meinen Eltern alles so, dass ich sie dennoch abschließen könnte. Doch schon ab Mitte der Schwangerschaft sollte ich liegen. Der Gebärmutterhals verkürzte sich. Alle anderen Untersuchungen waren ohne Befund. Dem kleinen Strampler ging es spitze.

 

Der Termin rückte näher. 2 Tage vor dem Entbindungstermin begannen die Wehen. Wir machten uns zum ersten Mal auf den Weg in die Klinik. Wehen da, aber ohne Wirkung. Ich bekam etwas zur Beruhigung und ging wieder heim. Am nächsten Tag war Ruhe. Kein Ziehen, kein Anschein ,dass sich irgendetwas tut. Am Abend schauten wir noch gemütlich TV und gingen ohne Bedenken ins Bett. Es war 3 Uhr als ich mit Schmerzen aufwachte. Erst dachte ich „ach das ist wieder nichts und ich lenke mich mit TV ab“.  Nach rund 2 Stunden merkte ich, dass es nichts half und weckte den werdenden Papa. Wir machten uns erneut langsam auf in die Klinik. Dort angekommen lag eine lange Zeit mit Wehen vor uns.

 

Wir liefen spazieren, ich ging in die Badewanne, versuchte zu entspannen. Gegen Mittag oder Nachmittag bekamen wir einen Kreissaal zugewiesen. Der Muttermund stand bei 4cm. Ich bekam etwas, um ein klein wenig zu schlafen. Es fühlte sich an als würde man mich auf Drogen setzen.

 

Ich konnte ungefähr 30 Minuten die Augen schließen bevor es wieder losging. Die Wehen kamen mittlerweile im Minutentakt. Die Schwestern hatten bereits die Ärztin verständigt. Diese kam und kontrollierte. Wieder dasselbe Ergebnis: 4 cm. Sie gab mir noch eine Stunde, wenn sich dann nichts tun würde, müsste ich mich auf einen Kaiserschnitt einstellen. Kaiserschnitt. Ich hatte mich nicht einmal vor der Geburt mit dem Thema Kaiserschnitt beschäftigt. Für mich war klar, ich möchte in die Klinik, mein Kind bekommen und wieder nach Hause. Ein Kloß machte sich in meinem Hals breit. Ich bekam Angst. Und plötzlich ging alles ganz schnell. Innerhalb von Sekunden holte die Hebamme die Ärztin wieder. Die Herztöne des Kleinen machten schlapp. Die Ärztin kam und sagt mir, dass wir jetzt schnell den kleinen holen müssen. Ich begann zu weinen. Unter Dauerwehen und Weinen zogen sie mich aus und auf dem Weg in den OP redete der Anästhesist auf mich ein und ich sollte irgendwo etwas unterschreiben. Ich hab kein Wort von ihm verstanden, geschweige denn gesehen was ich da überhaupt unterschrieben habe. Dann im OP, die Nadel in den Rücken! Immer noch diese unerträglichen Wehen, ich sollte mich ruhig nach vorne beugen. Am liebsten hätte ich diesem Mann gesagt er soll selber mal unter den Schmerzen „ruhig“ halten. Aber ich konnte nicht. Ich konnte nichts sagen vor lauter Tränen, Angst und Sorge.

 

Es vergingen keine 15 Minuten und ich lag auf dem Tisch: bereit mein Kind zu holen. Alle  redeten von hinten auf mich ein, versuchten mich abzulenken. Dann war es soweit. Der erste Schrei. Gänsehaut am ganzen Körper. Über das Tuch konnte ich nur seine dunklen Haare sehen. Sie packten ihn ein, dann bekam ich ihn kurz eingemummelt an mein Gesicht gelegt. Ich sah noch immer kaum etwas. Er war so „zerknittert“ und meine Augen voller Tränen. Dann nahmen sie ihn mit und der frisch gebackene Papa folgte ihnen. Nachdem mir dann im OP unendlich schlecht wurde bekam ich etwas zur Beruhigung und schlief ein. Im Aufwachraum kam ich wieder zu mir und wartete. Wartete und wartete.  Plötzlich standen beide Omas an meinem Bett und fragten was los ist. Ich konnte ihnen nichts sagen und sie wollten los, nachschauen gehen. Nach einer Ewigkeit kam dann der Papa.

 

Er kam mit Tränen in den Augen an mein Bett. Ich fragte ihn was los ist und wo unser Sohn ist. Unter Tränen sagte er: „Unser Sohn ist nicht gesund!“ Meine Reaktion darauf kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Ich fragte ihn ob Herz, Lunge und alle wichtigen Organe funktionieren. Daraufhin antwortet er mit ja.

 

Dann kam die Ärztin. Ebenfalls mit leicht feuchten Augen zu mir ans Bett. Sie sagte mir das gleiche: „Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihr Sohn nicht gesund ist. Ich kann ihnen aber nicht sagen was er hat“. Und dann kam endlich eine Schwester mit dem Kleinen auf dem Arm. Endlich nach einer gefühlten Ewigkeit durfte ich meinen Sohn richtig sehen und in den Arm nehmen. Wir versuchten ihn anzulegen, ohne Erfolg. Was wir  da noch nicht wussten, es sollte gar nicht möglich sein, ihn auf diesem Weg zu füttern. Wir bekamen kurzfristig ein Familienzimmer und die erste Nacht begann. Wir sind eingeschlafen. Plötzlich merkte und hörte ich, dass mein Sohn aufgehört hat zu atmen. Ich konnte mich noch nicht bewegen, die Betäubung wirkte immer noch. Ich schrie so laut ich konnte um den Papa zu wecken. Nach kurzem erschrak er. Ich schrie ihn an das der Kleine nicht mehr atmet. Er war blau. Er holte Hilfe. Die Schwester kam, nahm ihn an  den Beinen, schlug ihm auf den Rücken und dann endlich, der ersehnte Atemzug.

 

Die Schwester sagte uns, dass sie den kleinen mitnehmen würde um ihn an  Sauerstoff anzuschließen und in der Kinderklinik anzurufen.

 

Am nächsten Morgen beschlossen die Ärzte, den Kleinen in die Kinderklinik zu bringen und mich hinterher.

 

Dort angekommen bekam er die nötige Versorgung. Der Kinderarzt konnte uns immer noch nicht mitteilen welche Erkrankung unser Sohn hat doch er würde uns eine Adresse in Tübingen geben und uns dorthin verlegen. Eine Woche mussten wir auf ein Bett dort warten.

 

In Tübingen angekommen bekamen wir endlich die Diagnose. Unser Sohn hat das Treacher Collin Syndrom

 

Eine Mutation von verschiedenen Genen die zur Fehlbildungen im Gesicht und Kopf führen. Unser Sohn hatte keinen Gaumen, ein fliehendes Kinn, keine Gehörgänge, schief gestellte Augen und keine Jochbeine.

 

Heute ist er 7 Jahre alt und unser ganz persönlicher Kämpfer.

 

Er hat uns innerhalb von Stunden erwachsen gemacht, uns gelehrt wie dankbar wir für Gesundheit sein müssen. Er ist heute ein kleiner starker Junge, für den wir eine Zukunft mit Toleranz möchten. Wir stellen uns täglich den Herausforderungen.

 

Nach unserem Kämpfer durfte ich noch zwei gesunde Kinder zur Welt bringen, die er mit Leib und Seele liebt.

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Ute (Freitag, 03 März 2017 09:20)

    Liebe Nicole!!
    Was du da durchgemacht hast klingt alles andre als schön!! Respekt wie und das ihr das gemeistert habt. Er ist ein süßes Kerlchen und es hat mich tief berührt ihn Kivken zu sehen!! Toll!!!

  • #2

    Carina (Freitag, 03 März 2017 11:50)

    Liebe Nicole!

    Ich hatte Tränen in den Augen! Mir fehlen die Worte..
    Der "kleine Große" ist unendlich süß!!!!! Ein toller, großer Bruder!!!
    Ihr könnt stolz auf Euch sein ���

  • #3

    Maike (Freitag, 03 März 2017 12:02)

    So ein süßer Kerl!

  • #4

    leas_mama_30 (Freitag, 03 März 2017 16:03)

    Liebe Nicole,
    so ein süßes Kerlchen und so ein stolzer grosser Bruder ❤.
    Was du durchgemacht hast ist alles andere als schön, aber ihr habt es toll gemeistert. Ihr liebt ihn abgöttisch und das ist das wichtigste für ihn.
    Ich drücke euch und den kleinen grossen besonders doll. ❤

  • #5

    Denise (Freitag, 10 März 2017 08:07)

    Ein sehr ergreifender Bericht! Ich musste schon einige Male schlucken da ich als Mutter nur zu gut nachvollziehen kann was es heißt wenn man auf einmal Kaiserschnitt hört!
    Das was danach noch kam hat dir meinen größten Respekt eingeracht!
    Ihr seid eine starke Familie und ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft!

    Viele Grüße
    Denise von
    http://www.lovefashionandlife.at/