Geburtsbericht der lieben  Christiane @Kurfeee

Ganz ehrlich? Mir war durchaus klar, dass sich die Geburt meines zweiten Kindes, bis auf den Kern der Sache, mit Sicherheit von der ersten unterscheiden würde. Dass der Unterschied jedoch so frappierend sein würde, damit hätte ich nicht gerechnet.
Im März ist es sechs Jahre her. Ich habe in den vergangenen Jahren eine ganze Menge vergessen, aber diese Geburt habe ich vor Augen, wie einen Film, den man sich wieder und wieder anschaut. Damals habe ich die ersten Bilder meines Sohnes in einem Fotobuch verewigt. Gemeinsam mit dem Geburtsbericht. Insofern muss ich jetzt nicht viel mehr tun, als abzuschreiben.
Übrigens, der Bericht ist aus der Sicht des kleinen Neuankömmlings verfasst. Heute würde ich ihn vielleicht anders schreiben, aber er ist, wie er ist und heute werde ich nichts mehr daran ändern.


3. März 2011
 6.oo Uhr
Die Welt ist in Ordnung. Mama schläft mit Stöpseln im Ohr vor sich hin. Hätte sie die nicht wäre die Nacht längst vorbei, denn Papa versucht nun schon seit 50 Minuten seinen Alabasterkörper aus dem Bett zu heben. Der Radiowecker jodelt alle zehn Minuten erneut vor sich hin.
6.15 Uhr
Meine große Schwester kommt kuscheln. Mama registriert „leichte Blähungen“, dreht sich aber noch einmal um während Papa sich in Richtung Auto kämpft.
6.30 Uhr
Mama steht auf und absolviert ihr übliches Morgenprogramm. Das Ziepen im Bauch kommt und geht, aber da die Ärztin gestern gesagt hat, dass so langsam die Senkwehen kommen können beachtet sie das leichte Unbehagen nicht weiter.
7.30 Uhr
Durchführung der morgendlichen „Großeschwestergehtzurschuleabschiedszeremonie“. Mama geht noch einmal ins Bett, um ein Entspannungsschläfchen zu absolvieren. Das unangenehme Ziehen im Bauch verschwindet allerdings nicht. Mama ignoriert dieses Gefühl, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Aber irgendwie beginnt sie nun doch zu ahnen, dass da Gefahr im Verzug ist.
10.00 Uhr
Die leise Ahnung wird bei zwei Dokus auf ARTE unter sechs Toast‘s begraben. Die Sache wird langsam echt lästig. Die erste Info geht per SMS auf die Reise in Richtung Papa. Was folgt ist ein Telefonat. „Immer mit der Ruhe. Brauchst noch nicht kommen.“
Der Ordnung halber wird mit der Verfassung eines „Wehenzettels“ begonnen. Auf dieser Briefmarke stehen jetzt Wehenabstände von fünf Minuten…  Mama hat die Ruhe weg.
11.30 Uhr
Da  Mama sich ja noch erinnern kann, wie die erste Geburt lief, entscheidet sie sich für ein klärendes Wannenbad. Sie rafft’s einfach nicht. Im Wasser wird ein weiteres Telefonat mit Papa „…immer mit der Ruhe…“ und Oma „…brauchst nicht kommen…“ geführt.
Ja. Klar. Schön baden. Die Wehen kommen ja auch erst alle drei bis vier Minuten. Anziehen, Haare föhnen, Betten machen… Mama ruft Papa an: „Ich glaube, du solltest langsam kommen.“ Ach, doch schon…
12.00 Uhr
Sie schreibt jetzt definitiv keinen Wehenzettel mehr. Jetzt geht die Post ab! Aber richtig! Als Papa durch die Haustür kommt ist sie komplett angezogen, schweißgebadet und kniet auf den untersten Treppenstufen. Zwei Minuten zwischen den Wehen.
Meine Eltern steigen in die kleine überdachte Zündkerze, die sich Auto nennt und ein SMART ist. Der Schweiß läuft in Strömen. Ab über das Kopfsteinpflaster Richtung Krankenhaus. Nach 500 Metern ist an der Dorfkirche Schluss mit lustig. Die nächste Wehe kommt und Mama gibt nur noch das Kommando: „Fahr nach Hause. Das schaffe ich nicht! Der drückt nach unten!“ So habe ich Papa noch nie erlebt. Er ignoriert das „Tempo-30-Schild“ und brettert über eine rote Ampel. Ausgerechnet heute halten sich tatsächlich alle Leute an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Zurück auf dem Kopfsteinpflaster fährt vor uns der nächste Schlumpf. 20 km/h… Er trägt sein Auto. Wenn Mama noch laufen könnte würde sie das wohl tun und wäre schneller.
Endlich Zuhause! Tür auf! Frau rein. Jacke aus. Papa ruft die Feuerwehr. Mama kommt noch aus den Schuhen. Dann kniet sie auf dem Boden und krallt sich an der Treppenstufe fest. So geht es wieder und wieder. Bis ins Wohnzimmer kriechen? Keine Chance.
Dann kommt ein zartes Plopp. Schön, wie die warme Brühe in den Stoff der Hose und des Pullovers sickert. Ärks! Papa befreit Mama von den nassen Klamotten bis nur noch das Hemd übrig ist. Und was macht sie? Kniet noch immer, nun untenrum ziemlich frei, und macht sich Sorgen, dass das Zeug in den Keller läuft.
Als die Sanitäter der Feuerwehr durch die Tür kommen bietet sich Ihnen ein denkwürdiger Anblick. Da kniet sie auf dem Boden mit dem Hintern gen Norden Richtung Haustür. Die Männer fackeln nicht lange, krempeln die Ärmel hoch, schnappen sich meine Mutter, reißen unserer Katze ihre Decke unter dem Hintern weg und legen sie samt Frau auf den Wohnzimmerboden. Es gibt eine Wäscheklammer an den Finger und eine Nadel in den Handrücken. Papa rennt nach Decken und Handtüchern. Das Knie des Sanis, der neben meiner Mama kniet, wird wohl ein paar Tage brauchen, um die blauen Flecken loszuwerden.
Auftritt des Notarztes. Jung. Seeehr jung. Nicht eine Falte und mit leichten Zweifeln,…oder Verzweiflung (?) im Blick. Glücklich sieht der nicht aus. Da kniet er nun und wartet auf mich.
Jetzt geht es in die Vollen. Die nächste Wehe. Wie kann jemand nur so brüllen, dass die Wände wackeln? Wenn die Nachbarn das hören, kommt am Ende noch die Polizei. Der Arzt bekommt Kulleraugen, denn da sind Haare zu sehen, nicht mal wenige, und die befinden sich alle auf einem Kopf. Und der ist nun  draußen. Noch einmal pressen und ich bin da. Noch ein bisschen verschrumpelt, etwas lila und ziemlich beleidigt. Das hätten wir auch entspannter haben können. Aber nach dem ersten Atemzug wird die Haut rosa. Hätte ich mich im Spiegel sehen können, dann hätte ich mich vielleicht genauso schön gefunden, wie meine Eltern. Alles ist dran an mir. Ich bin groß und schwer, über 4300 g. Ich bin Arne. Und es ist 13.04 Uhr.



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Kommentare: 12
  • #1

    Janapapaya (Freitag, 03 Februar 2017 08:11)

    Ganz herrlich geschrieben! Der Bericht aus Muttersicht würde mich auch sehr interessieren :) Danke fürs Teilhaben lassen!

  • #2

    Suzi (Freitag, 03 Februar 2017 08:14)

    So toll geschrieben :-)

  • #3

    Katja (Freitag, 03 Februar 2017 08:25)

    Ich habe Tränen gelacht.
    Ich dachte ja ich wäre tiefenentspannt bis zum Leichtsinn gewesen, aber das toppt alles. :)

  • #4

    Catharina (Freitag, 03 Februar 2017 08:29)

    Das. War. Wunderbar zu lesen! Im Krankenhaus hätte sie sicher eine echte Traumgeburt gehabt!

  • #5

    Andrea (Freitag, 03 Februar 2017 08:48)

    Solche Stories sind der Gipfel. Danke für die Einblicke, ich habe sehr schön gelacht.

  • #6

    Catharina (Freitag, 03 Februar 2017 09:24)

    Toller Beitrag....so schön geschrieben �

  • #7

    Sabine (Freitag, 03 Februar 2017 09:38)

    Wow, wunderschöner Bericht - ich habe Tränen vergossen (vor Rührung und lachen)
    Schön das alles gut gelaufen ist , lg

  • #8

    Gianna (Freitag, 03 Februar 2017 10:53)

    Wow - wunderschön geschrieben! Danke für's Teilhaben!

  • #9

    Isa (Freitag, 03 Februar 2017 12:22)

    Wunderbar ! Witzig und schön zugleich. Da hat es Mama so ziemlich allein geschafft , toll :)

  • #10

    leas_mama_30 (Freitag, 03 Februar 2017 14:58)

    So ein toller Geburtsbericht ❤. So toll geschrieben. Danke das wir daran teilhaben dürfen.

  • #11

    Susi-Pusi (Freitag, 10 Februar 2017 09:25)

    Sehr schön, hat Spaß gemacht ☺

  • #12

    Sabiralein (Freitag, 10 Februar 2017 14:25)

    Super geschrieben, musste echt lachen :)
    Wahnsinn wie schnell es auch gehen kann. Haben Mama und Sohn aber super hinbekommen.