Geburtsbericht der lieben Sandra @fraeulein_bubele

77 Stunden -
und noch nicht mal eine „RICHTIGE“ Geburt?!

Januar 2013 hielt ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Einerseits diese riesige Freude, dass da ein kleines Menschlein in einem heranwächst. Auf der anderen Seite diese große Angst, dass es wieder passieren könnte- eine Fehlgeburt wie einige Monate zuvor.
Bis auf die Übelkeit verlief die Schwangerschaft zu Beginn ganz normal. Ich hatte zwar immer wieder einen verkürzten Gebärmutterhals, doch durch Krankschreibung und viel Ruhe sah meine Ärztin keinen Grund zur Beunruhigung.
Dann wurde ich im Juni mit 1 cm Gebärmutterhals in eine große Klinik in Frankfurt am Main eingeliefert.
Ich war in der 25. SSW und die Ärzte verordneten mir Bettruhe und spritzen mir Lungenreife, für den Fall der Fälle, das mein Baby „kommen“ würde. Auf 700 g schätzen sie es. Tags darauf entschlossen sich die Ärzte zu einer Not-Operation, in der mir eine Cerclage gelegt wurde, eine Gebärmutterhalsumschlingung, in der Hoffnung, dass dies die Geburt um ein paar Tage oder gar Wochen verschieben würde und könnte.
Denn jeder Tag zählt.
Und so lag ich dann mit Antibiose vier Wochen lang im Krankenhaus bei Außentemperaturen von 38-40 Grad und im Anschuss daran wenigstens bis zur 35. SSW zu Hause in meinem Bett.
Das Kind würde „eh viel zu früh kommen“, so die Ärzte.
Ich solle um jeden Tag kämpfen, denn es würde ein Frühchen werden, denn spätestens, wenn die Cerclage gelöst werden würde, würde sich der Gebärmutterhals wieder verkürzen und die Geburt ginge rasant los.

Alles kam anders.
...
ZEHN Tage nach errechnetem Termin fuhren wir in die Klinik, die mich bereits mit meiner Cerclage behandelt hatte. Hier kannte ich die Ärzte und Hebammen von meinem vorherigen Klinikaufenthalt.
Und diese große Klinik mit Frühchenstation ist berühmt für die hohe Anzahl an Spontangeburten, selbst Zwillinge und Beckenendlagen werden hier spontan geboren.
Keine Frage, eine Spontangeburt ist „natürlich“.
Nur gibt es eben auch Situationen, in denen „natürlich“ aber einfach nicht funktioniert. Hierbei spreche ich nicht von Frauen, die „kein Bock auf Schmerzen haben“ oder „keine Geburtsverletzungen“ wollen.

Aber zurück zu meiner Geburt:
Wir fuhren freitags (bereits zehn Tage über der Termin) auf Anraten meiner Frauenärztin ins Krankenhaus zur Einleitung der Geburt.
Der Gebärmutterhals stand, wie nach Entfernung der Cerclage, immer noch bei 3,5 cm- alles war geburtsUNreif.
Auf die Frage der Hebamme, was ich denn hier wolle, erklärte ich ihr, dass meine Ärztin mir das geraten hatte, da der Mutterkuchen schon etwas verkalkt sei,
und da eine Einleitung auch ein bis zwei Tage dauern könne, soll(t)e ich nach einer Woche über dem Entbindungstermin zur Einleitung kommen.
Bereits hier bekam ich das Gefühl, dass man keine große Lust hatte, mich jetzt über das Wochenende einzuleiten.
Aber mir wurde dann um 10 Uhr ein Prostaglandine-Gel vaginal eingeführt.
Ich musste eine halbe Stunde liegen bleiben, damit das Gel in der Scheide wirken kann und hoffentlich bald Wehen auslösen würde.
Im Anschluß daran wurde für 30 Minuten ein CTG geschrieben.
Noch hatte ich keine Wehen, und das würde auch laut Hebamme länger dauern, bis der Körper darauf reagieren würde => wir sollten doch spazieren gehen.
Es würde sechs Stunden später noch einmal eingeleitet werden.

Bei der zweiten Einleitung wurde währenddessen eine Eipol-Lösung vorgenommen.
Für die, die es nicht kennen: Die Hebamme fährt mit ihrem Finger über die Scheide durch den geöffneten Muttermund und löst die Eihäute von der Gebärmutter ab. Dadurch soll die Geburt angeschubst werden.
Was man vorher nicht weiß: Es tut höllisch weh. Vor allem, wenn der Muttermund noch nicht geöffnet ist.
Ich wurde auch vorher nicht gefragt, denn das hätte ich aufgrund der Infektionsgefahr, die hierbei besteht, gar nicht gewollt. Aber ich wurde nicht gefragt.

Wehen bekam ich dann ab nachmittags. Wir sollten weiter spazieren gehen, regelmäßig wurde ein CTG geschrieben.
Abends wurde ich aufs Zimmer gebracht, mein Mann durfte bei mir blieben, weil meine Zimmernachbarin in ihren Wehen im Kreissaal lag.

In dieser Nacht konnte ich kaum schlafen, ich war viel zu aufgeregt. Ich hatte leichte Wehen, doch als wir morgens in den Kreissaal zum CTG gingen, waren diese wieder verschwunden.
Also wurde erneut eingeleitet, wieder eine Eipol-Lösung vorgenommen. Liegen bleiben, CTG, spazieren gehen, nach 2 Stunden erneute vaginale Untersuchung, Muttermund war trotz Wehen immer noch nicht geöffnet: spazieren gehen, vaginale Untersuchung, spazieren gehen, CTG, vaginale Untersuchung.
So verging auch der zweite Tag im Krankenhaus mit Wehen, aber ohne Geburtsfortschritt.
Abends wurden die Wehen stärker, sodass ich nach einer Hebamme klingelte, um ihr das mitzuteilen. Ich war verunsichert: ... meine erste Geburt.
    Warum ich denn nach ihr rufen würde? Mir wäre doch schon bewusst, das eine Geburt schmerzhaft wäre oder?
Und wieder hatten wir das Gefühl, als würden wir über das kostbare Wochenende stören.

Die Wehen wurden in dieser Nacht noch stärker, wir wurden in den Kreissaal gebracht, um ein CTG zu schreiben. Wehen waren da, aber der Muttermund öffnete sich noch immer nicht. Die Nacht verbrachten wir immer wieder im Wechsel zwischen Kreissaal und CTG schreiben sowie im Zimmer „Wehen veratmen“.

Sonntagmorgen: wieder in den Kreissaal, ein Tropf, „damit es etwas vorwärts geht“, von dem ich leider erbrechen musste. Plötzlich platzte meine Fruchtblase. Es knackte und ein Schwall Wasser lief aus mir heraus. Ich klingelte, doch es hieß nur, das wäre bestimmt nur der Schleimpfropf.

Die Hebammen kamen und gingen, und wir blieben. Mittlerweile kannten wir das gesamte Personal, ebenso wie die Ärzte und alle die, die hier ein- und ausgingen.
Die Schmerzen empfand ich mittlerweile so schlimm, dass ich mich in die Badewanne legte.
Neben mir entband eine Frau Zwillinge. Spontan. Und ich war gefrustet.
Mittlerweile war mein Muttermund auf ein cm geöffnet. Und wieder CTG / vaginale Untersuchen im Wechsel.
Gegen Mittag besuchte uns ein Oberarzt, der mich bereits freitags bei der ersten Einleitung untersucht hatte.
„Sie sind immer noch hier? Eigentlich müssten Sie doch schon viel weiter sein!“ Er habe eine Vermutung, aber er dürfe nichts entscheiden, da Wochenende sei. Da würden nur Notfall-Kaiserschnitte durchgeführt werden, während der Chefarzt nicht da sei.
Aber er vermutete, dass es bei mir auf einen Kaiserschnitt herauslaufen würde, da seit drei Tagen trotz Einleitung und starken Wehen der Befund geburtsunreif sei. Aber das würde man hier nicht gerne machen.
Ich hatte das Gefühl, würde es in den nächsten Stunden richtig losgehen, hätte ich für die eigentliche Geburt keine Kraft mehr, also entschloss ich mich für eine PDA. Ich wollte unter KEINEN Umständen einen Kaiserschnitt.
Gegen Abend stürzte ich beim Wehen-Veratmen mit meinem Tropf in der Hand. Ich spürte von jetzt auf gleich meine Beine nicht mehr und fiel hin.
Ein riesiger Schreck, doch mit unserem Baby war alles in Ordnung.
Doch durch den Sturz musste die PDA erneuert werden, da ich plötzlich einseitig mehr Schmerzen hatte als zuvor.
Am späten Abend erschien auch der Chefarzt der Klinik.
Ich war völlig kraftlos, konnte kaum noch sprechen. Doch er versuchte mich zu motivieren: „Nachher halten Sie ihr Baby in den Händen, ich verspreche es, es geht doch super voran!“

Wie schliefen im Kreissaal. Die Hebammen kümmerten sich sehr lieb um uns und mein Mann durfte bei mir schlafen.
Es war eigentlich kein Schlaf, wir ruhten und ich veratmete weiter die Wehen.
Dann wurde es Montag, Tag vier.
Und wieder CTG, vaginale Untersuchungen, Muttermund zwei cm.
Dann kam eine Hebamme, die das Ganze „zu einem Ende bringen“ wollte, wie sie sagte.
Wir leiteten erneut ein, massierten den Muttermund und sie versuchte mit Akupunktur, dass sich der Muttermund endlich weiter öffnen würde. Ich war froh, über jede Möglichkeit, die die Hebammen ausschöpften, dass ich spontan gebären könnte.
Ich hatte so starke Wehen in kurzen Abständen, dass ich mehrere Wehen mit jeweils drei Sekunden Pause hatte.
Dann der erneute Besuch des Chefarztes. Er ließ eine Assistenzärztin untersuchen: „Super, schon fünf cm! Jetzt geht es vorwärts, bald ist das Baby da“ Er würde in ein bis zwei Stunden nochmal selber untersuchen.

Ich war plötzlich total motiviert, die Schmerzen hatten endlich einen Sinn, endlich öffnete sich er Muttermund. Nach vier Tagen Wehen endlich ein Lichtblick: Ich werde spontan gebären!

Dann erschien der Chefarzt zur Untersuchung.
„Der Muttermund ist erst bei zwei cm und ich kann bei der Untersuchung ihr Steißbein und ihr Schambein ertasten.     Das heißt, dass ihr Becken zu klein ist. Sie werden NIE ein Baby spontan gebären können.
Alles fertig machen für den Kaiserschnitt.“
!
Da knallte mir jemand ein Brett vor den Kopf.
Von der einen auf die andere Sekunde bekam ich einen Wehen-Hemmer, damit der Kaiserschnitt durchgeführt werden konnte. Die Assistenzärztin, die die angeblichen fünf cm ertastet hatte, klärte mich über die Risiken eines Kaiserschnittes auf.
Das muss sie, das ist ihr Job und es muss alles vor der OP erklärt werden.
Aber während du vier Tage in den Wehen liegst, ein Baby gebären möchtest, alle von einer Spontangeburt sprechen und dann erzählt dir jemand plötzlich etwas von Kaiserschnitt, und dass dabei deine Blase oder der Kopf des Babys geschnitten werden könnte, dann denkst du, du bist im falschen Film. Als ich mich vor der OP waschen wollte, dachte ich, „das da unten“ gehört nicht zu mir. Die Folge der tagelangen Untersuchung.

Den Kaiserschnitt fasse ich kurz zusammen, denn das würde den Rahmen sprengen.

Die PDA lag aufgrund des Sturzes tatsächlich nicht mehr richtig, ich spürte das Aufmalen des Schnittes, sodass mir eine Spinalanästhesie gelegt wurde.
Mein Körper spielte aufgrund der tagelangen Wehenmittel/Wehen und plötzlicher Gabe von Wehenhemmer total verrückt, sodass ich am ganzen Leib zitterte. Die Fruchtblase war wirklich samstags schon gesprungen, das Furchtwasser war grün.
Den Kaiserschnitt führte der nette Oberarzt durch, der mich das ganze Wochenende begleitet hatte. Er war wirklich sehr fürsorglich und erlaubte meinem Mann, zu filmen und zu fotografieren und erklärte mir jeden Schritt während der OP.

Jetzt, drei Jahre später, blicke ich auf meine erste Geburt zurück.
Man ist keine Versagerin, weil man eine Kaiserschnitt-Geburt hatte.
Finn hätte sonst nicht geboren werden können. Und trotz der ganzen Dinge, die in diesen vier Tagen, in den 77 Stunden falsch gelaufen sind, haben sie mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.
Sie haben das Band zwischen mir und meinem Mann noch enger geschnürt und mich gestärkt. Und bei meiner zweiten Geburt zwei Jahre später habe ich mich dazu entschieden, selbstbewusst zu bestimmen, wie meine Geburt verlaufen wird und den Hebammen und Ärzten dies zu sagen. Denn man hat das Recht, sich wohlzufühlen. Es ist eine Geburt, die Geburt seines Kindes.

Kaiserschnitt oder Spontangeburt.
Schmerzen hat man so oder so. Und Geburtsverletzungen auch. Bei einem Kaiserschnitt eben erst alles danach.
Und das Wichtigste ist doch, dass wir im Anschluss unsere Babys in den Armen halten und einfach nur Liebe empfinden.



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Kommentare: 4
  • #1

    Nancy (Freitag, 06 Januar 2017)

    Hallo liebe Sandra,

    auch ich lag (nur) 19h in den Wehen um am Ende einen MuMu von 2-3cm zu haben. Bei mir wurde der Notkaiserschnitt dann durchgeführt weil die Herztöne meiner Tochter zweimal absackten und meine Geburt mit einem Blasensprung begann- nach 24h sollte da die Geburt beendet sein.....Sonst hätte das ganze sicher auch länger gedauert....Auch mir sagte man, dass mein Becken zu eng und der Schambeinwinkel zu spitz sei. Meine Tochter wäre allein nicht zur Welt gekommen. Darf ich fragen wie deine zweite Geburt verlief?

    Viele Grüße!

  • #2

    Sandra (Sonntag, 08 Januar 2017 13:07)

    Die zweite Geburt war auch ein Kaiserschnitt. Habe mir eine Klinik gesucht mit Pränatalstation und die es mit einer spontan Geburt versuchen würde.
    Aber Lio lag seit der 20. Ssw in Beckenendlage und da war kein Arzt bereit, es so zu versuchen. Eine Wendung wurde abgelehnt, weil da die Gefahr eines Notkaiserschnittes besteht.
    Aber auch nur, weil die 1. Geburt so lief, waren sie sehr vorsichtig, aus Angst, dass auch dieses Kind nicht durchpasst.
    Der geplante Kaiserschnitt war dieses Mal viel schöner, Lio kam gesund und ohne Anpassungsschwierigkeiten zur Welt, ganz anders wie der große Bruder.

    Ich kann nur jedem den Rat geben, auf SEIN Gefühl zu hören und sich die passende Klinik zu suchen.

    Ist bei Euch noch ein 2. in Planung Nancy?

    Glg

  • #3

    Nancy (Sonntag, 08 Januar 2017 18:12)

    Danke für deine Antwort�ja Nummer 2 soll folgen- nicht sofort aber definitiv. Ich bin mir unsicher, ob ich es spontan probieren würde... ich kenne Anpassungschwierigkeiten eher von geplanten Kaiserschnitten. � ich fand es bei mir gut, dass meine Kleine durch Blasensprung und Wehen mitbekommen hat "es geht los". Letztendlich ist das glaube ich auch ganz gut für den Körper und das Stillen. Also wrnn

  • #4

    Nancy (Sonntag, 08 Januar 2017 18:15)

    ...ups zu zeitig: Also wenn ich mir es aussuchen könnte, würde ich warten bis die Geburt normal losgeht und dann den Kaiserschnitt machen sofern er medizinisch notwendig ist. Ich will mich wenn es soweit ist nochmal genau informieren. Bisher habe ich aber die Ärzte so verstanden, dass da kein Durchkommen ist bei mir � zumal meine Tochter mit 49cm und 2700 Gramm schon zart war.
    Ganz liebe Grüße!