Geburtsbericht der lieben Anne @mushebooboo

Nachdem mein erster Sohn nach einem vorzeitigen Blasensprung durch eine Einleitung im Krankenhaus auf die Welt kam, war der Wunsch beim zweiten Mal Zuhause bleiben zu können mehr als drängend. Die Erfahrungen in der zwar kleinen, anthroposophischen Klinik waren genau das, weshalb ich ursprünglich nicht in die Klinik wollte. Nicht schlimm, nicht dramatisch, aber fremdbestimmt, unentspannt, stressig. Schön geht anders. Gerade da ich selber Hebamme bin, weiß ich, wie unterschiedlich Geburten ablaufen können, abhängig von der Begleitung und den Umständen.

So stand in dieser Schwangerschaft von Anfang an fest, dass ich wieder eine Hausgeburt anstreben würde. Trotz einigem Gemurre meines Gynäkologen über die zu erwartende Kindsgröße habe ich an ET+0 und ET+3 die für eine außerklinische Geburt erforderlichen Ultraschalltermine hinter mich gebracht und von der Vertretungsärztin das Okay bekommen. Sie schätzte das Gewicht auf 4400g, hatte jedoch keine Bedenken, da mein erster Sohn mit 4200g völlig komplikationslos auf die Welt kam.
Ab nun begann das Warten.

Am 18.08. (ET+11) habe ich (nach Absprache mit meiner Hebamme) mit Rizinusöl versucht, die Geburt in Gang zu bringen, die Angst vor einer Einleitung im Krankenhaus saß mir mehr und mehr im Nacken. Vorausgegangen waren Nelkenöltampons, Nachtkerzenöl, Bauchmassage, Tee und was es da halt so alles gibt.
Nach dem Rizinusöl begannen in der Nacht leichte Wehen, am 19.08. ab 3.00 bin ich aufgestanden um sie im Wohnzimmer zu veratmen. Bis circa 6.00 kamen sie in 2-3 Minuten Abstand, ich stand am Fenster, tönend, meine Hüften kreisend und habe der Welt beim Erwachen zugesehen, das war unbeschreiblich schön.
Um 6.00 wachte mein großer Sohn auf, er hatte blutige Lippen, wollte nichts essen, nichts trinken. Die Wehenabstände wurden größer, ich beorderte seinen Papa herbei, damit er sich um ihn kümmern konnte. Im Laufe des Vormittags wurden die Pausen immer länger, irgendwann waren es dann schon 10Minuten und meine Hoffnung schwand, dass das Kind bald kommen würde. Sowohl ein Einlauf als auch 2h spazieren gehen mit meinem Freund halfen nichts.
Am Abend entschieden wir, dass der Große über Nacht zum Papa gehen sollte, eigentlich wollte er bei der Geburt dabei sein, aber ich war erschöpft und hatte die Befürchtung, dass es mit ihm dabei nie richtig losgehen würde.
Über Nacht wehte ich ein wenig vor mich hin, aber am nächsten Vormittag (20.08.) waren die Wehen komplett verschwunden und wir fuhren zur Vorsorge ins Geburtshaus. Dort bekam ich nochmal Akupunktur und die Hebamme massierte den Muttermund, meine Laune war am Tiefpunkt und ich sah mich schon bei ET+15 in die Klinik fahren.
Zuhause angekommen setzten gegen 14.00 wieder Wehen ein, ich machte einen Einlauf, kochte noch Mittag und kippte mir dann mein Rizinusöl drüber. Essen wollte ich jedoch kaum noch etwas, zu sehr war ich dann schon mit Veratmen und aus dem Fenster gucken beschäftigt.
Draußen zogen Fußball-Fans vorbei, die Straße wimmelte von Polizisten. Drinnen versuchte ich zu mir zu kommen und den wuseligen Vormittag hinter mir zu lassen.
Gegen 15.30Uhr wurden die Wehen stärker, ich veratmete sie im Türrahmen stehend, der Druck gegen mein Steißbein tat sehr gut. Mein Freund machte noch ein Bauchbild und meinte, dass dies nun wahrscheinlich das letzte sein würde. Nach diesem Satz brachen alle Dämme, ich habe einige Zeit geweint und hatte das Bedürfnis, mich von meinem Kind zu verabschieden um es in die Welt hinauszulassen. Das klingt etwas arg esoterisch, aber mir tat es sehr gut und fühlte sich absolut natürlich an.
Gegen 16.00 bekam ich einen Druck nach unten und hatte große Hoffnungen, dass sich am Muttermund etwas tun würde. Weiterhin veratmete ich die Wehen im Türrahmen, tönte und stellte mir eine sich öffnende Blüte vor.
Gegen 17.30 untersuchte ich mich und stellte fest, dass sich am Muttermund nichts getan hatte, er war immer noch zu weit hinten, als dass ich ihn richtig tasten konnte. Der Druck nach unten war inzwischen recht stark, ich war verzweifelt, schob ein Buscopanzäpfchen, ließ mir ein Bad ein und rief 18.00 die Hebamme an, weil ich das Gefühl hatte, allein nicht mehr weiter zu kommen. (Ursprünglich wollte ich sie so spät wie möglich anrufen.)
18.30 kam die Hebamme mit einer Schülerin, ich weinte eine Runde, berichtete ihr von dem Druck. Sie untersuchte mich und bestätigte, dass sich seit dem Morgen am Muttermund nichts getan hatte. Um ein Aufnahme-CTG zu schreiben stieg ich aus der Wanne, positionierte mich wieder im Türrahmen, wir hörten Musik, mein Freund stellte Kerzen auf. Der Druck wurde weiter stärker, ich konnte ihm kaum noch nicht nachgeben, atmete kurz auf "Papapapapa" aus.
19.00 begann es zu regnen, mein Freund füllte den Pool im Wohnzimmer. Es war eine absolute Wohltat gegen 19.30 in das warme Wasser zu steigen, ich veratmete auf der Seite liegend, versuchte dem Druck standzuhalten. Die Hebamme untersuchte mich und mein Muttermund war weiterhin hinter dem Köpfchen, welches schon weit unten war und daher in der Wehe den Muttermund eher wieder zu zog. Außerhalb der Wehe 3-4cm, in der Wehe dann eher 2-3cm. Ich war frustriert, fühlte mich an die Geburt meines großen Sohnes erinnert, wo ich genau das gleiche Problem hatte: ein massiver Druck nach unten und nicht mitschieben zu dürfen. Ich schob erneut ein Buscopan- und ein Spascupreel-Zäpfchen, in der Hoffnung, dass der Muttermund sich entspannen würde.
Ich weinte viel und schimpfte, es war wirklich schwer auszuhalten nicht mitzuschieben. Gegen 20.15 sprang die Fruchtblase, die Herztöne waren gut, das Fruchtwasser klar, doch der Druck wurde noch stärker. Die zweite und dritte Hebamme wurden hinzugerufen, ich wechselte im Pool ein paar Mal die Positionen doch nichts half gegen den Druck. Ich versuchte mir weiter die sich öffnende Blüte vorzustellen, den Po zu entspannen und locker zu lassen, aber auch außerhalb der Wehe blieb der Druck konstant, währenddessen fand ich ihn unerträglich. Die zweite Hebamme kam an, ich klagte ihr mein Leid, dass es einfach nicht mehr auszuhalten sei. Die dritte Hebamme hatte sich verfahren und suchte noch nach der richtigen Straße.
Irgendwann stieg ich aus der Wanne, ging in die tiefe Knie-Ellenbogen-Lage vorm Sofa in der Hoffnung, den Druck vom Muttermund zu nehmen, dieser war inzwischen bei 5-6cm.
Inzwischen schrie ich bei jeder Wehe recht verzweifelt, die Hebamme massierte meinen Muttermund mit Rescue-Salbe, ich bekam eine Buscopan-Spritze, es war einfach nicht mehr auszuhalten. Irgendwann schob mein Körper unwillkürlich mit, ich konnte nicht mehr veratmen oder nicht mitschieben, es war einfach schrecklich, dort vor dem Sofa zu liegen und gegen diesen Reflex zu versuchen anzukämpfen. Mein Darm entleerte sich, mir war schlecht.
Der Muttermund war bis auf einen Saum vollständig, die Hebamme versuchte ihn unter der Wehe wegzuschieben, jedoch erfolglos. Trotzdem taten mir ihre Finger als Gegendruck gut.
Die dritte Hebamme traf ein.
Wir verfrachteten mich wieder in die Wanne, ich tastete selber nach dem Saum und war erschrocken, wie straff er war. In den folgenden Wehen versuchte ich selbst ihn wegzuschieben und das Köpfchen nach oben zu drücken um für Entspannung zu sorgen. Meinem Freund biss ich ein paar Mal in die Hand und schrie laut meine ganze Verzweiflung heraus, dieser Druck war einfach übermächtig. Irgendwann war der Saum dann doch weg, ich konnte es gar nicht fassen und bat die Hebamme dies zu bestätigen und mir quasi offiziell zu erlauben, mitschieben zu dürfen. Nach ihrem Okay konnte ich den Kopf in der nächsten Wehe in der Hocke gut nach unten schieben, da ich mit einem großen Kind rechnete traute ich mich jedoch nicht, dies komplett in einer Wehe zu tun. Es tat so unendlich gut endlich, endlich dem Druck nachgeben und mitschieben zu dürfen.
Während der nächsten Wehe kam der Kopf dann komplett, ich bremste ihn bis etwa zur Hälfte selber, dann bremste die Hebamme und leitete mich zum Veratmen an.
In der Wehenpause konnte ich spüren, wie der ganze Körper in mir hin und her rotierte, das Kind suchte sich seine Position zur Geburt der Schultern. Kurz fragte ich die Hebamme, ob sie da ziehen würde, aber sie meinte, sie hätte nicht mal die Hände im Wasser.
Während der nächsten Wehe schob ich wieder mit, doch der Körper kam nicht, die Schultern steckten fest.
Die Hebammen holten mich hoch, wir turnten ein wenig im Pool herum, doch die Schultern lösten sich nicht.
Mit allen mir greifbaren Händen stieg ich aus dem Pool, wir versuchten ein paar Übungen an Land. Wie gut, dass so viele Menschen da waren, nun wurde jede Hand gebraucht. Zwei Hebammen hielten mich, eine hielt den Kopf des Kindes zwischen meinen Beinen. Die älteste Hebamme übernahm schnell das Kommando, wir turnten und letztendlich lag ich in Rückenlage vor dem Sofa, den Kopf im Schoß meines Freundes. Die älteste Hebamme drückte über dem Schambein die vordere Schulter herunter, während die andere die hintere Schulter von unten löste. Ziemlich Angst bekam ich, als sie schon den Ambu-Beutel auspackten und bereit legten. In der nächsten Wehe drückte ich das Kinn auf die Brust, presste was das Zeug hielt und mit lautem "Komm jetzt endlich raus du Kind!!!"-Gebrüll wurden die Schultern und der restliche Körper um 21.21Uhr geboren.
Und: der Druck der mich die letzten Stunden so beschäftigt hatte, war weg, hallelujah. Meinem Sohn ging es gut, ich bekam ihn auf die Brust gelegt, er hatte kaum Probleme mit der Atmung und ich war einfach nur unendlich erleichtert.
Die Plazenta gebar ich in der tiefen Hocke, danach konnten wir endlich ins Bett, wir haben gekuschelt und gestaunt, irgendwann kamen die Hebammen, sangen ein Geburtstagslied und ich nabelte unseren Sohn ab.
Die U1 ergab 4860g auf 56cm verteilt und einen Kopfumfang von 36cm.
Die Damminspektion ergab Damm intakt - ich kann es bis heute noch nicht fassen! Keine Schürfung, kein Nichts, der erste Toilettengang nach der Geburt war schmerzfreier als sämtliche Toilettengänge während der letzten Tage der Schwangerschaft!

Direkt nach der Geburt empfand ich diese als wirklich schrecklich (und habe das auch wieder und wieder kund getan) inzwischen verblasst die Erinnerung etwas, aber ich bin trotzdem unendlich froh, dass es rum ist.
Auch die Schwangerschaft und vor allem die letzten Tage mit diesem Warten und dem ständigen Gefühl der Verstopfung durch den auf den Darm drückenden Kopf.
Obwohl ich mich mit Hypnobirthing vorbereitet habe, konnte ich eigentlich nichts davon anwenden, es fühlte sich nicht selbstbestimmt an, sondern ich arbeitete die ganze Zeit (bis auf die letzten zwei Wehen) gegen meinen Körper. Der Wehenschmerz war eher nebensächlich, der Druck und der damit einhergehende Pressdrang haben mich wirklich verzweifeln lassen. Gerne hätte ich aufgegeben, das war nur leider keine Option.
Momentan kann ich mir noch keine weitere Geburt vorstellen, vor allem, da ich bei der ersten auch dieses Druck-Problem hatte und damit schwer umgehen konnte. Außerdem hat mich die Schulterdystokie doch ziemlich beeindruckt und da ich zu schweren Kindern neige, habe ich Angst vor einer weiteren bei der nächsten Geburt, die dann vielleicht nicht so glimpflich ausgeht.
Meinen Hebammen bin ich sehr, sehr dankbar, mich durch diesen Nachmittag geleitet zu haben und am Ende fachlich kompetent, schnell und sicher reagiert zu haben.

(Geschrieben zwei Wochen nach der Geburt. Inzwischen (3,5 Monate später) macht mir eine erneute Geburt keine Angst mehr und ich bin zuversichtlich, das alles noch einmal durchstehen zu können. Mutter Natur kann das mit dem Vergessen lassen echt gut.)

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Kommentare: 6
  • #1

    Kamila (Freitag, 30 Dezember 2016 07:56)

    Woaw....beeindruckend. Starke Frau!

  • #2

    Susi (Freitag, 30 Dezember 2016 09:30)

    Respekt!! Meine Geburt dauerte 14 Stunden wovon ich 4 Stunden das Druckproblem hatte (hat mir schon gereicht :D)
    dein Inneres will sich nach außen krämpeln aber du sollst nicht mitschieben?! Konnte damit schlecht umgehen und war darauf auch irgendwie nicht vorbereitet...echt eine mega Leistung von dir <3

  • #3

    Chrissy (Freitag, 30 Dezember 2016 09:57)

    Beeindruckender Geburtsbericht. Danke fürs teilen und aufschreiben.

  • #4

    Pandaelfenhausen Saskia (Freitag, 30 Dezember 2016 11:57)

    Alter?! Was hab ich zwischendurch Pipi in den Augen gehabt! Mega krass! Und meinen allerhöchsten Respekt! Ich hab jetzt wieder etwas mehr Angst vor der Geburt meines Babys! Nummer eins ist ja leider per KS gekommen, deswegen habe ich leider gar keine normale Geburtserfahrung.... mal sehen, wie es bei Nummer zwei wird.... ;)

  • #5

    Anna (Freitag, 30 Dezember 2016 23:55)

    Meinen herzlichsten Glückwunsch auch hier, liebe Anne!
    Danke dir für diesen eindrucksvollen Bericht.
    Frauen wie du sind der Grund, warum ich da arbeite, wo ich es tue.

  • #6

    leas_mama_30 (Samstag, 31 Dezember 2016 21:23)

    Echt beeindruckend.... Danke für deinen Geburtsberich!