Die unstillbare Gier nach Extrasystolen

Damals konnte ich mich im Selbsthass richtig gehen lassen. Versinken in Musik und Kajal. Ich inszenierte alles, vor allem mich selbst. Das war lang nachdem wir heimlich in der Unterführung Kippen sammelten. Aber auch lang bevor ich Mutter wurde.

 

 

Wenn ich mich heute vor zum Spiegel beuge, so nah dass er beschlägt, die Zahnpasta Spritzer ignoriere. Dann sehe ich sie. Die feinen Linien in meinem Gesicht, die im letzten Jahr dazu kamen. Sie werden bleiben.  Die Sorge um meinen Sohn hat mich grau werden lassen. So sehr, dass ich färben muss. Und so stehe ich regelmäßig vor der Chance mich zu verändern. Nach außen zu tragen, was innen längst gewiss. In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Punk und Prinzessin. Und so laufe ich eigentlich immer nur dazwischen. Denn für eins der Extreme entscheiden? Unmöglich. Beide zu sein, Utopie. So  gleicht mein Ich eher einem EKG, das regelmäßig nach oben und unten ausschlägt. Aber nie nur eine Linie fährt. Diese Konstante, die eigentlich Tod bedeutet. Zumindest im EKG. Die Ausschläge sind Leben. Lieber würde ich linear laufen. Ich bilde mir ein, das würde mich beruhigen.

 

 Die Geburt der Kinder hat mich aus der Bahn katapultiert und geerdet.  Sie sind anstrengend und erfüllend. Ich war beschäftigt.  Die Sehnsucht kommt nicht plötzlich. Sie überfällt dich nicht nachts und lässt sich dann nicht mehr leugnen.  Sie zwingt dich nicht zum Handeln. Sie kommt schleichend. Sie infiltriert mich langsam. Diese unstillbare Gier nach Extrasystolen.

 

 

Früh habe ich lernen müssen, was es heißt Prinzessin zu sein.  Umso lauter und dankbarer habe ich mir dann beibringen lassen Punk zu werden. Aber was bleibt am Ende, wenn du  oben auf dem Gipfel stehst und im Meer schwimmen musst. Eine innerliche Zerrissenheit. Eine Wunde, die nie heilt. Du kannst dich ablenken mit Alltag, Hochzeit und Hausbau. Kinderkriegen und Schulaufgaben. Du kannst  rastlos von Termin zu Termin zu Hobby hasten. Du darfst nur nicht zur Ruhe kommen. Langweile haben. Denn am Ende des Tages, bist du Du. Und hast Sorge dafür zu tragen, mit Dir und in Dir glücklich zu sein. Und daran arbeite ich. Denn es ist nicht die Aufgabe meiner Familie, mich glücklich zu machen. Meine Kinder sind nicht hier um mich gluecklich zu machen. Das muss ich schaffen, ganz allein.

 

 

 

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Kommentare: 10
  • #1

    Mirja Erd (Freitag, 18 November 2016 19:17)

    Der Prinzessin mit den Doc Martens, an die Mutter ihrer Kinder, die Ehefrau, die beste Freundin, an jene mit der großen Klappe, die auf des Berges Spitze steht und von dort aufs Meer blickt, nicht weiß ob sie schwimmen oder fliegen wird! An die Frau, die auf dem Mittelstreifen ihres Lebensweges balanciert, die dabei mal nach rechts tendiert und mal fast nach links fällt, sich jedoch immer wieder auffängt, denn es muss schließlich weitergehen. Stillstand versetzt sie in größte Unruhe und die Stille lärmt ihr unerträglich in den Ohren...Sie, die stets auf dem richtigen Weg unterwegs ist, weiß, dass es nur diesen einen Weg gibt: ihren Lebensweg. Er mag mal richtig und sich mal falsch anfühlen, dennoch ist und bleibt er was er ist: Ein Weg. Eines Tages, in einem Moment der inneren Ruhe wird sie sich an den Wegesrand setzen und einen Blick in den Himmel werfen, vielleicht sieht sie dann den Mond, die schimmernden Sterne, oder sie sieht Wolkenfelder ziehen...und dann weiß sie, dass in ihr so viel mehr steckt, als Prinzessin und Punk. Sie wird erkennen, dass sie immer die Wahl hat, die zu sein, die sie sein möchte, dass sie gar keine Schubladen braucht, weil sie so facettenreich und vielfältig ist. Vielleicht schüttelt sie ihren Kopf, wenn ihr klar wird, welchen Mythos sie sich selbst erschaffen hat, ehe sie ihre Knie fest an sich zieht und auf ihr früheres ICH blickt, welches in blinder Wut, Traurigkeit und Rebellion wild und ungestüm Schaden anrichten konnte, weil sie noch nicht in der Lage war, es bei der Hand zu nehmen, ihm den Rotz von der Nase zu wischen und es dann fest in den Arm zu nehmen, ihm zu sagen, wie sehr sehr sehr lieb sie es hat. Völlig frei von jeder Bedingung, fern von Hosengrößen, vom Leistungslevel, von reiner Haut und perfektem Haar. Sie wird ihren Kindern erzählen, wie sich die Falten auf der Haut gebildet haben, vom vielen Lachen, vom Weinen aus Sorge, vom Quatsch machen und Grimassen schneiden und sie wird erhobenen Zeigefingers erklären, dass mit einem Mal so viel Weisheit in ihr steckte, dass sie fast platzte und es schließlich aus den Haaren ins Freie wollte. Dann schließt sie ihre Augen und fasst sich ans Herz, mit jedem Schlag, mit jedem Pumpen sieht sie die Energie aufwirbeln, die Energie die sie jeden Tag aufbringt für mehr Licht in ihrem Leben. Sie lebt und liebt nun aus sich selbst heraus, aus ihrer eigenen unerschöpflichen Quelle. Und immer dann, wenn ihr Herz für einen Moment ins Stolpern gerät, dann ist es ihr eine Erinnerung daran, dass sie in jedem Augenblick die Wahl hat zu entscheiden, ob sie lieben oder hassen möchte.
    Weil sie es schaffen möchte.

  • #2

    Kat Dah (Freitag, 18 November 2016 19:45)

    Ich weiß nicht ob der Blogeintrag oder der Kommentar mich mehr fasziniert

  • #3

    funnyjulie (Freitag, 18 November 2016 19:50)

    Ich hoffe du hörst mich applaudieren liebe Mirja Erd!

  • #4

    Catharina (Freitag, 18 November 2016 19:54)

    Toller Blogeintrag und mega Kommentar....

  • #5

    Karina (Freitag, 18 November 2016 20:04)

    Wie wunderbar, so jung schon solche Erkenntnisse zu haben, massahudd. Ich brauchte ne ganze Ecke länger dazu. Und was für ein kluger Kommentar, Mirja. Chapeau!

  • #6

    nelalisam (Freitag, 18 November 2016 20:43)

    Hut ab zu dem Blogeintrag und auch zu dem Kommentar.
    Das mit dem selber glücklich sein lerne ich auch noch.

  • #7

    Steffi (Montag, 21 November 2016 22:31)

    Wow...einfach nur wow.... deinText und auch der Kommentar....danke dafür!! Ihr sprecht mir aus der Seele...nur kann ich mich so nicht ausdrücken....

  • #8

    Martinique (Mittwoch, 23 November 2016 23:24)

    Chapeu chapeu chapeu..... massahud und mirja. Ich bin sprachlos ✌

  • #9

    Carina (Donnerstag, 02 Februar 2017 07:30)

    Ui, das ist toll. Und Mirias Kommentar ganz wundervoll! Wer ist sie? Schreib sie auch?

  • #10

    Anne Freitag (Sonntag, 06 August 2017 10:10)

    Wahnsinnstext. Ich bin auch auf meinem Weg. Öfters holprig und mit vielen Herausforderungen. Aber mit so vielen echten Momenten und Begenungen mit Menschen, die meinen Alltag ausmachen. Ich lerne täglich mehr, mich selbst zu lieben und mir ist es wichtig, das die Menschen in meinem Umfeld (Kinder, Mein Mann, meine Freundinnen, Schwester usw.)glücklich und geliebt sind. Denn durch dieses positve Energie ,gestalten wir den Weg einfacher gemeinsam. Ohne Hass und Neid und Eifersucht. Jeder kann einfach sein. So wie er eben ist. Das wünsche ich mir für jeden Lebensbereich, auch auf der Arbeit .immer. Einfach mal die Leute sein lassen. Ohne Erwartung und ohne Urteil. Denn so geben wir uns die nötige Kraft zum Leben. Danke für diesen inspirierenden Blog!!! Mein Blog befindet sich noch im Aufbau :-)
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