Geburtsbericht der lieben Jenny@jennifer_paradiesvogel

"Hilfe!! Erstmal alles Liebe!!! Und grade ist so viel Flüssigkeit aus mir gelaufen, dass ich nicht weiß, ob es Fruchtwasser ist!!!!!"

Das war die Nachricht, die ich meiner Freundin am Morgen des 15.3.2016 um 9.16 Uhr schickte.
Eigentlich wollte ich mich gemütlich fertigmachen und dann zu ihr laufen, um Geburtstag zu feiern. Oder besser watscheln. Ich war an dem Tag zehn Tage vor ET und Bewegen lief so semi-gut. Entspannt war ich trotzdem, hatte ich doch am Vortag die letzten bearbeiteten Fotos an die Kunden geschickt und wollte nun noch in ein paar ruhige Tage starten bevor wir dann zu dritt sein sollten.
Pustekuchen!
Mein Mann Markus war grade mit dem Fahrrad auf der Arbeit angekommen und drehte direkt wieder um als ich ihm Bescheid gab. Ich stimmte mich mit Hebamme und Frauenärztin ab. Meine Hebi meinte, ich solle den Krankenwagen rufen, da das Baby noch nicht fest im Becken saß und die Ärztin war ebenfalls dieser Meinung. "Wir sind zehn Tage vor Termin. Wir haben nichts zu verlieren. Rufen Sie an!" sprach sie am Ende der anderen Leitung mit ihrem harten Akzent und ich wusste: Das ist ein Befehl. Sollte ich jetzt WIRKLICH einen Krankenwagen rufen? Die Panik, einen Fehlalarm auszulösen und mich "umsonst" zum Krankenwagen schleppen zu lassen war groß und so hoffte ich sehr, dass es wirklich Fruchtwasser war und nichts anderes. Markus war jetzt da und rief den Krankenwagen. Ich schickte ihn ins Schlafzimmer, das letzte Outfit holen, in das ich noch reinpasste und putzte im Liegen auf der Couch die Zähne. Die Sanitäter kamen wenig später und stellten jede Menge Fragen. Ich erinnere mich an keine Einzige, nur an den Stuhl auf dem sie mich das Treppenhaus runterschleppten. „Hoch soll sie leben“ tönte es in meinem Kopf. Ich wollte im Boden versinken. Im Hausflur packte mich meine Oma noch am Arm: "Mach dei´ Sach´gut mei Mad!" Markus schnappte die Krankenhaustasche und -ganz wichtig- die Kamera und fuhr mit dem Auto hinter uns her.

Im Krankenhaus angekommen wurde meine Angst noch weiter geschürt als man mich in der Notaufnahme mit folgenden Worten begrüßte: "Ist das auch ein richtiger Blasensprung? Fehlalarm hatten wir erst gestern!"
Ehm ... guten Morgen.
Und weiter: "Ihre Festnetznummer auf der wir Sie erreichen können, bitte!" "Momentan bin ich hier zu erreichen, aber ja …" Ich schlotterte. Man ist ohnehin so unsicher und lässt einfach geschehen. Ich war noch nie im Krankenhaus, geschweige denn auf einer Pritsche in der Notaufnahme.

Im Kreißsaal wurde dann per Stäbchentest geprüft, ob es Fruchtwasser ist, das ich verliere. Nach dem zweiten Test war es dann auch eindeutig und ich kam ans CTG. Bisher nur "kleine Wellen" und keine spürbaren Wehen übrigens. Und plötzlich die Information: "Sie werden ohne Baby nicht mehr heimgehen!" Freude.
PANIK!
Man wollte meinem Körper 24 Stunden Zeit geben, eigene Wehen zu produzieren, bevor mir der allseits so beliebte Cocktail verabreicht werden sollte. Irgendwie war die Freude über die bevorstehende Geburt so groß, dass ich mir gar keine Gedanken darüber machte, ob das klappt oder nicht. Rauskommen würde unser Kind so oder so.
Ich bekam dann noch einen Zugang in die Hand gelegt und Antibiotikum verabreicht wegen der offenen Fruchtblase. Einen Ultraschall mit letzter Gewichtsschätzung gab es dann auch noch. Er wurde lustigerweise vom neuen jungen Arzt durchgeführt mit dem wir das Jahr zuvor bei einer Freundin Silvester gefeiert hatten. Meine erste Frage: "Du schallst über den Bauch oder?" "Ja." - Erleichterung. Er schätze unser Baby auf 3800 Gramm, was ziemlich gut war! Das Geburtsgewicht war 3910 Gramm.

Anschließend bezogen wir seelenruhig das Zimmer auf der Mutter-Kind-Station und es gab Mittagessen. Erstmal lecker Fisch, denn ich hatte ja veganes Essen bestellt. Finde den Fehler. Die folgenden Mahlzeiten klappte es aber gut mit dem "veganischen Essen". Aber Nebensache.

Den Tag über tingelten wir dann immer zwischen Mutter-Kind-Station und Kreißsaal-CTG hin und her, während wir auf Wehen warteten. Im Krankenhaus-Foyer traf ich eine alte Kommilitonin. Zehn Jahre nicht gesehen und dann trifft man sich in den Wehen, die gegen 20.00 Uhr spürbar wurden und im Abstand von etwa 5 Minuten kamen. "Ehm ja, bis bald dann." "Ja und äh, viel Glück!" Irgendwie unwirklich …
Kurz vor 22.00 Uhr wurden die Wehen dann heftiger und wir begaben uns noch mal in den Kreißsaal vor dem nächsten Schichtwechsel. Aber unsere Hebamme des Tages sahen wir nicht mehr und ich lag während der Dienst-Übergabe etwa eine Stunde am CTG. Jetzt schon seitlich und das Tuch, das von der Decke hing, umklammernd mit dem stetigen Blick auf Markus. "Siehst du spitze Berge auf dem CTG?" fragte ich alle paar Minuten. Ich hatte wohl Angst, dass es noch schlimmer kommt und das noch keine "echten Wehen" sind. Ich lehnte das Angebot ab, ein Mittel gegen Regelschmerzen zu nehmen. Goldig, dachte ich! Was sollte denn das bringen?
Die Hebamme der folgenden Schicht schlug vor, dass Markus und ich noch mal ein bis zwei Stunden schlafen, um Kraft zu tanken, denn unser Kind komme auf jeden Fall heute Nacht. Daher empfahl sie kein Schlafmittel, sondern ein Mittel, das den Schmerz lindern solle und mich schläfrig mache. Alles klar, rein damit, der Zugang war ja da! Schlafen klang ziemlich verlockend, meinte auch Markus.
Zurück im Zimmer wirkte es auch schon. Wie nach einer Flasche Wein und ein paar Kurzen fühlte es sich an. Heeeerrlich. Ich zog mir die Schlafmaske über die Augen und warf mich ins Bett. Es fühlte sich wundervoll an. Für circa zehn Minuten. Als Markus weg war, überkam mich eine unfassbare Übelkeit. Ich stürzte ins Bad, so schnell wie Wale eben stürzen können, und übergab mich. Für die nächsten 1,5 Stunden. Es war grausam mit der fetten Kugel auf dem Badezimmerboden zu hängen. Das Erbrechen löste so dermaßen heftige Wehen aus, dass ich mich grade so in den Kreißsaal schleppen konnte und Markus anrief. Der Ärmste hatte nur eine Stunde geschlafen zu dem Zeitpunkt. Was heute in vielen Nächten Standard ist, war damals natürlich echt mies. Er machte sich auf den Weg und die Hebamme bot mir an, in die Entspannungswanne zu gehen. Jaaaaa! Ich liebe ja Wasser und freute mich sehr zwischen dem ganzen Atmen abzutauchen. Es war circa 1:30 Uhr. Ich sank in die heiße Wanne, bekam ein Tuch auf den Bauch und dann ging´s rund. Ich wusste gar nicht wohin mit dem Schmerz und die gebärende Dame im Nebenzimmer und ich tönten um die Wette. Markus traf ein und war ziemlich hilflos in dieser Situation, sagte er im Nachhinein. Er übergoss mich dauernd mit kaltem Wasser. Reden ging nicht mehr und ich zwang mich, in diesen harten, krampfenden, dicken Bauch voller Schmerzen zu atmen, was einfach das schlimmste Gefühl überhaupt war.
Die Hebamme tingelte immer zwischen den Kreißsälen hin und her und stellte uns irgendwann ein Radio neben die Wanne, damit wir die Dame im Nebenzimmer nicht mehr hören. Es lief "The final Countdown". Ich lachte. NICHT. Zwischendrin wurde natürlich immer wieder der Muttermund untersucht und er ging in der Wanne tatsächlich fast ganz auf. Was auch die Schmerzen erklärt. Gegen 3:00 Uhr wollte nur noch raus und "aufs Klo", aber es war "nur" die Fruchtblase die da drückte (zum Glück). Ich hatte mich die ganze Geburt über zwar nicht ein Mal beschwert, sagte Markus hinterher, aber mir war schon danach zu Mute, einfach zu gehen. Tschüss, den Rest kann machen, wer will! Ich bettelte um noch mehr Schmerzmittel, obwohl ich ja wusste, dass es nicht hilft.
Auf dem Kreißbett hatte ich dann so gar keine Lust, irgendwelche Stellungen aus dem Geburtsvorbereitungskurs auszuprobieren. Ich wollte einfach liegen. In der nächsten Wehe untersuchte mich die Hebamme und öffnete die Fruchtblase mit dem Finger. Platsch.
Sie montierte einen Steigbügel am Bett. Ich lag auf der rechten Seite, mein linkes Bein im Bügel und veratmete weiter diese schrecklichen Wehen. Bei jeder einzelnen krallte ich mich in Markus´ Oberkörper fest, der sich schlaftrunken grade so aufrecht halten konnte. Ich spürte wie der Babykopf sich durchs Becken arbeitete und hoffte sehr, dass es auch der Kopf war, denn noch schlimmer geht doch nicht, dachte ich mir. Der Kopfumfang wurde übrigens nie geschätzt bzw. mir die Schätzung nie mitgeteilt. "Groß" sei er.
Unsere Hebamme sah ein, dass wir es in ihrer Schicht leider doch nicht mehr schaffen, es aber am Vormittag soweit sei. Wenn nicht, würde ich auch ausrasten müssen ...

Um 6.00 Uhr war Schichtwechsel. Eine kernige Hebamme mit raspelkurzen grauen Haaren und ihre Hebammenschülerin betraten die Bühne. Sie machten die Sache klar.
Der Steigbügel wurde abmontiert und ich angewiesen, Knie anziehen und zu pressen. Gefühlt nur ein paar Mal, nicht ewig. Der Kopf war irgendwann zu sehen und wir durften ihn fühlen. Ehrlich gesagt fühlte ich ihn nicht wirklich. Schwarze Haare wurden uns aber schon angekündigt und ich freute mich, dass es bald zu Ende war.
"Ich mache jetzt etwas, das wehtut, bitte veratmen Sie es." Etwas, das wehtut soso … was könnte wohl noch mehr weh tun als ein Kopf zwischen den Beinen? Sie krallte sich den Babykopf mit den Fingern, damit er nicht zurück rutschte und wenig später war es geschafft. Der Kopf war draußen und der Rest flutschte nach. Mit einem Schrei begrüßte uns unser kleiner Janosch um 6.50 Uhr und es war ein unbeschreibliches Gefühl. Die Nabelschnur war leider zu kurz, um ihn mir auf den Bauch zu legen, deshalb durchtrennte Markus sie zuerst. Danach sollte ich mich aufsetzen, um Janosch selbst hochzunehmen. "Wie aufsetzen? Ich schaff das nicht!" Ich war wirklich zu schwach, um mich aus Rückenlage hoch zu setzen, also setzte sich Markus hinter mich, half mir hoch und ich hob Janosch zwischen meinen Beinen zu mir auf den Bauch. Er war wunderschön. Alles an ihm. Auch seine Haare auf den Ohren. Er öffnete die Augen und blickte zwischen uns beiden hin und her. Hallo ihr!

"Freuet euch auf die nächsten 2000 Jahre, denn ich bleibe bei euch auf ewig."

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Kommentare: 3
  • #1

    Jenny (Freitag, 11 November 2016 12:02)

    Wunderschöne geschrieben. Beim lesen musste ich Lächeln, habe Gänsehaut bekommen und musste die ein oder andere Träne verdrücken

  • #2

    Chrissy (Samstag, 12 November 2016 22:24)

    Danke für deinen Bericht! Ich habe mal wieder mitgefiebert und gezittert.

  • #3

    Patty (Freitag, 16 Dezember 2016 13:01)

    Ein wundervoller Bericht. Immer wieder ergreifend so etwas zu lesen und ehrlich!! Danke dafür:*