Der Babymann hat sich abgestillt

Ich habe abgestillt. Das ist jetzt sicher. Zuletzt hat der Babymann am Mittwochmorgen um 6 Uhr getrunken. Jetzt ist Montag.
Wie habe ich das gemacht, wollten viele auf Insta wissen. Ihr Lieben, es klingt vielleicht zu banal: aber ich habe gar nichts gemacht. Ich habe nur reagiert. Auf die Bedürfnisse meines Sohnes. Dafür wurde ich oft belächelt. Immerhin ist er letzte Woche 13 Monate alt geworden. Dumme Sätze wie : „Du verziehst ihn noch zum Muttersöhnchen“, durfte ich mir von schlauen Leuten anhören - aus der eigenen Familie.  Sowas lässt sich nicht mal eben so abschütteln wie einen Wachtelkommentar auf Instagram. Aber ich habe mich nicht beirren lassen. Zuletzt, weil mein Mann immer hinter mir stand. Aber von vorn.

2014 bekam ich mein 1. Kind. Ein langersehntes Wunschkind und ich wollte alles richtig machen. Von Anfang an war klar: Ich werde stillen. Schließlich ist es das Beste fürs Kind. Problemlos, von Anfang an trank die Kleine, schlief schnell durch und auch der Milchstau inkl. Fieber und Schüttelfrost mit 7 Wochen war easy-händelbar. Ich hörte auf Mutter und Schwiegermutter. Und hielt mich an die 3 Stundenregel meiner Hebamme. Das bedeutet, ich stillte nach der Uhr. Das klappt mit diesem Kind hervorragend. Bitte stellt euch jetzt nicht vor, dass ich sie schreien oder hungern ließ. Aber sie trank tatsächlich zwei Brüste komplett und bekam erst 3-5 Std. später wieder Hunger. Sonst gab ich ihr nicht die Brust. Wenn sie quengelte, trug ich sie in der Trage. Die Brust war reine Nahrungszufuhr. Mit 7,5 Monaten hieß es: „Still mal langsam ab, damit du auch wieder mehr Freiheiten hast. Gib ihr die Flasche.“ Gesagt, getan. Auch dieses Mal funktionierte alles blendend. Ich machte mir aber auch überhaupt keinen Kopf. Ich gab ihr einfach die Flasche. Sie nahm sie. Da war nichts mit Koliken oder Spuken oder Schreianfällen. Nur ich hatte ein bisschen zu kämpfen mit Doppel D voll Milch. Wärme, Salbei, Milchpumpe, Ausstreichen…. Und eine Woche später war „ die Birn geschält.“ Dann schlugen die Hormone volle Kanne zu und ich weinte und vermisste das Stillen und die Nähe. Der Maus ging‘s super. Dass ich zu der Zeit schon lang wieder schwanger war, konnte ich nicht ahnen.

Bei meinem Sohn war alles anders. Ich war anders. Ich war selbstbewusster. Ich wusste, was ich will und was ich auf keinen Fall will. Das fing schon bei der Geburt an. Hatte ich bei Kind 1 zwei Tage lang im Kreißsaal gelegen. Angekettet ans Dauer CTG, Infusionsschläuche und achtfach aufgespritzte PDA, wollte ich dieses Mal eine selbstbestimmte Geburt. Ohne Arzt, ohne Schläuche. Ich wollte zu Hause entbinden. Wie mein Sohn schlussendlich zur Welt kam, lest ihr hier.

Auch er trank vom zweiten Moment an (den Ersten war er ja bekanntermaßen im Reanimationszimmer) wie ein Weltmeister. Bis zur Diagnose einer Pylorusstenose und der einwöchigen Nahrungskarenz (lest ihr hier)mit drei Wochen. Da stand das Stillen plötzlich auf der Kippe. Im Krankenhaus hieß es: Abstillen! Sie brauchen jetzt ihre Kräfte. Das Kind darf eh nichts essen und bekommt dann zum Kostaufbau die Flasche. Nicht mit mir. Ich ließ mir eine Milchpumpe ins Zimmer bringen und stellte den Handywecker auf alle drei Stunden. Selbst wenn der Tag noch so grauenhaft und die Nacht noch so kurz war. Ich setzt mich beim Weckerklingeln auf und pumpte ab. Liter. Als es dann zum Nahrungsaufbau kam und der kleine Mann nach der OP milliliterweise Zuckerlösung bekam, probierte ich früh die Brust. Schlückchenweise. Er stürzte sich darauf. Und kaum war er angefüttert, war er wie ein wildes Tier. Aber auch diese Stunden gingen vorbei und schon am nächsten Tag konnte ich den Ärzten der Morgenvisite stolz verkünden, dass er gut trinkt. Viel trinkt. Und nicht mehr gespuckt hat.

Die folgenden Monate waren nicht leicht. Er hatte ein richtiges Krankenhaustrauma. Kaum legte man ihn auf den Wickeltisch, schrie er los. War er es doch gewöhnt , von fremden Händen untersucht und gestochen zu werden, kaum dass man ihn auszog. Er wurde zum Koala. Immer an mir, auf mir, oder an der Brust. Ich sah nicht auf die Uhr. Ich stillte ihn komplett bedürfnisorientiert. Es war hart. Er schrie viel, vor allem abends. Und kam auch nachts oft. Ich ging jedes Mal, wenn er wach wurde, in sein Zimmer und setzte mich auf den Stillsessel. Was ich nie machen wollte, war mit ihm an der Brust einzuschlafen. Doch auch meine Kräfte waren irgendwann aufgebraucht, denn morgens konnte ich nicht einfach mit ihm weiterschlafen. Die große Schwester war mit ihren 14 Monaten ab spätestens neun Uhr wach und wollte unterhalten werden. Ein paar Mal holte ich ihn zu mir ins Bett und wir schliefen stillend. Das waren aber wirklich nur Ausnahmen. Warum? Na, weil ich meinen Schlaf brauche. Ich kann sehr, sehr viel ab. Aber was nicht geht: ist Schlafentzug. Also mussten die paar Stunden effektiv genutzt werden. Und das konnte ich nicht mit grunzendem Baby neben mir. Der Babymann war das eigene Bett ja eh vom Krankenhaus gewöhnt und so war es lediglich nur für mich hart, denn ich musste alle paar Stunden, manchmal alle 20 Minuten ins andere Zimmer schlurfen.

Aber!! So war ich auch immer wach, wenn ich stillte. Ich achtete darauf, dass er auch genug trank, ordentlich Bäuerchen machte und nach zwei, drei fiesen Wochen schlief er fünf bis sechs Stunden am Stück. denn er hatte seine Ruhe. Kein sich im Bett drehender Papa, kein Husten. Kein fiepender Hund. Klar gab es trotzdem weiterhin schlechte Schubnächte. Aber das ging auch vorüber.

Zum Einschlafen bekam er auch die Brust. Aber nicht bis er wirklich weg war, sondern nur bis er müde wurde und die Augen schloss. Ich achtete von Anfang an darauf ihn nicht in den Schlaf zu stillen. Einen Schnuller nahm er nie. In dem Moment, wo er müde wurde, dockte ich ihn ab. Und schaukelte ihn. In den schlimmen Phasen half uns die Föhn-App und dann weißes Rauschen und viel Schhhhh der Mama. Ich verbrachte teilweise Stunden an seinem Bett. Wenn ich nicht mehr konnte, wechselte ich mich mit meinem Mann ab. Alle 20 Minuten. So konnten wir kurz raus, frische Luft atmen und hatten neue Kraft. Das hört sich so banal an und ist doch so wichtig.

Als der Babymann sich selbst hinsetzen konnte und Interesse an unserem Essen zeigte, ließ ich ihn. Ich stillte voll weiter. Ich las keine Ratgeber. Ich ließ es einfach passieren. Er bekam einen Plastikbecher mit Wasser und durfte auf dem rum kauen, was auf den Tisch kam. Also ich dünstete jetzt nicht stundenlang verschiedene Gemüsesorten und führte ihn in Etappen an selbst gekochte Breisorten. So kam es, dass er früh ein halbes Schnitzel verdrückte. (Baby Led Weaning) Ich zwang ihm nichts auf. Er entschied selbst. Satt wurde er garantiert. Dafür sorgte schon meine Milch. Der Rest war, zumindest am Anfang eher Spielerei. Es kamen die ersten Zähne. Zwei unten und dann direkt vier oben. Er biss mich genau einmal und nie wieder und aß jeden Tag mehr. (Ich achtete darauf, dass er weder Eiweiß noch Honig und Kuhmilch nur in Maßen bekam) Sonst gab es alles. Ich dachte mir einfach es ist am besten, jetzt wo ich noch stille, alles einmal anzutesten. Er hatte nie Verdauungsprobleme. Irgendwann wurde er satt von dem, was er da aß. Und ich gab ihm die Brust nur noch wenn es Richtung schlafen ging. Und in speziellen Ausnahmefällen. Also immer dann, wenn mein Bauch sagte: Stillen. Jetzt. Z.B., wenn wir viel erlebten, er im Schub war, Zähne kamen etc.

Dann ließ ich das Stillen auch zum Mittagsschlaf weg. Und der Babymann schaffte es tatsächlich mittags ohne Murren einzuschlafen. Ich ließ ihn aber auch wach. Also, wer um 7 aufsteht, der muss mit 10 Monaten auch bis 12 durchhalten. Klappte.  Das letzte Vierteljahr stillte ich ihn nur noch nachts. Also gegen 18 Uhr. Zwischen 2 und 5 Uhr einmal und dann gegen 6/7Uhr.

Kurz nach seinem 1. Geburtstag stieg ich morgens auf Kuhmilch um. Problemlos. Sein Darm kannte sie ja schon seit Monaten. Und nachts gab ich Wasser. Also ich bot es ihm an. Er schlug mir die NUK Flasche aus der Hand und wurde extrem wütend. Ich probierte Strohhalmflaschen. Besser. Aber auch erst nachdem er die Brust hatte. Irgendwann klappt es gut. Erst Brust, dann gefühlt ein halber Liter Wasser aus der Strohhalmflasche. Und irgendwann kam ich nachts in sein Zimmer, nahm ihn hoch und gab ihm die Wasserflasche. Er trank und ich legte ihn wieder hin. Das ist jetzt fünf Tage her. Seitdem schläft er von 18Uhr bis 6.30

Anstatt ihn morgens, wenn er wach wird zu stillen, bekommt er eine Flasche mit Kuhmilch. Wie es dazu kam? Na, es war Wochenende und ich wollte ausschlafen. Als der Babymann um sieben nach uns rief, ging mein Mann. Und der kann ja bekanntlich nicht stillen.


Ich spürte instinktiv, dass die Zeit gekommen ist. Das der Kleine Mann, der da gerade seine ersten Schritte macht, die Brust nicht mehr braucht. Aber ich wollte nicht. Ich stillte so gern. Von sich aus machte er keine Anstalten an die Brust zu wollen. Schon seit Wochen. Anfangs streckte er noch seine Ärmchen, wenn ich nackt Richtung Dusche lief und er nur die Milchbar sah. Aber das gab es auch schon eine ganze Weile nicht mehr. Das Abstillen war ein schleichender Prozess. Den Takt gab er vor. Ich reagierte nur auf seine Bedürfnisse. Mal ein Schritt vor, dann zwei zurück. Ich musste nie ausstreichen, abpumpen oder so. Die Brust hat sich durch das langsame Abstillen problemlos anpassen können. Und auch ich gewöhnte es mir langsam ab. Tagsüber fehlt es mir nicht. Abends wird es schlimm. Wenn mir bewusst wird, dass alles seine Zeit hat. Und die Babyzeit meines Sohnes nun vorüber ist. Einmal, da wollte ich es dann wissen. Ich fragte ihn so wie früher:“ Titi?“ Und klopfte auf meine Brust. Er sah erst mich an, dann meine Brust. Ich öffnete Blitzschnell meinen BH und wiederholte: „Titi?!!“. Er drehte sich zum Tisch und zeigte auf seinen Wasserbecher und sagte: “Da.“

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Mia (Montag, 07 November 2016 14:37)

    Super spannend geschrieben und schön zu lesen wie unterschiedlich alle babys doch sind. Selbst Geschwister. Danke für deinen Erfahrungsbericht. Sehr spannend!

  • #2

    Victoria (Montag, 07 November 2016 14:57)

    Vielen Dank fürs Teilen. Interessant wie unterschiedlich alle Kinder sind.

    Meinen ersten Sohn stillte ich 9 Monate voll und als dann die Kitaeingewöhnung mit 15 Monaten startete, fing er selbst an sich abzustillen. Zum Ende stillte ich nur noch 2 mal die Woche und das richtige Ende war dann ( ich weiß es noch wie gestern), wir kamen von der Kita und ich wollte ihm die Brust geben vor dem Mittagsschlaf und er wollte nicht, er sah mich an, als wüsste er gar nicht was er nun mit der Brust machen soll. Und das wars. Ab da bekam er Kuhmilch und liebte seine Flasche Milch zum Einschlafen. Mein Baby ist 9 Monate alt und isst richtige Portionen und verlangt die Brust immer vor dem Schlafen und nachts noch oft, aber das ist ok für mich und ich schaue, wie es kommt.

  • #3

    Carina (Montag, 07 November 2016 16:52)

    Sehr schön geschrieben und ich muss sagen einiges kam oder kommt mir sehr bekannt vor. Meine Tochter hat sich selbst mit 10 Monaten abgestillt, vermutlich auch aufgrund meiner Schwangerschaft. Sie wollte einfach partout nicht mehr die Brust. Ich musste auch nichts unternehmen. Sie hörte auf zu trinken und bei mir lief einfach nichts mehr aus der Milchbar. Sie hatte aber seit sie 8 Monate ist auch nur noch morgens und abends die Brust bekommen. Sie isst seit sie 7 Monate ist, eigtl auch alles was wir essen, nur habe ich sehr darauf geachtet, dass Salz weitgehendst weg bleibt, kein Honig und Zucker enthalten ist und Kuhmilch hat sie ab dem abstillen bekommen und ohne Probleme getrunken. Sie hat auch keinerlei Probleme mit der Verträglichkeit von irgendwas und Wasser trinkt sie seit sie 6 Monate ist "literweise". Also eigtl lief alles von selbst. Ich habe sie nach keiner Uhrzeit gestillt, sondern einfach wann sie wollte und sie wollte es von Anfang an ca alle 3-4 Stunden. 6 Stunden am Stück hat sie das erste mal mit 8 Monaten geschlafen, aber ich muss sagen, dass mir das alles nichts ausmachte. Sie schlief nachts direkt neben mir und dann hab ich einfach meine Titi ausgepackt, gestillt und das Kind hat weitergeschlafen, nachdem es satt war. Ich habe mir ehrlich gesagt von niemandem etwas vorschreiben oder sagen lassen und durfte mir auch oft anhören, dass ich mein Kind zu sehr an mich Binde und verwöhne. Schwachsinn des Jahrhunderts. Wenn man nur mal auf sein Gefühl hört und logisch denkt, dann sollte man dahinter steigen, dass man ein Baby, dass sich nur durch schreien wirklich äußern kann, nicht verwöhnt, wenn man ihm Liebe, Geborgenheit und Nahrung gibt. Seit sie 13 Monate alt ist, schläft sie auch die Nacht ab 20 Uhr bis 6/7/8 Uhr durch. Mal mehr mal weniger. Ich bin mal gespannt, wie es wird, wenn die kleine Schwester da ist.

  • #4

    Chrissy (Montag, 07 November 2016 19:38)

    Einfach nur Danke! Du bestärkst mich gerade sehr in meinem/unseren Weg , einfach auf mein Bauchgefühl zu hören.

  • #5

    Katharina (Montag, 22 Mai 2017)

    Ein guter Bericht, der echt Mut macht..wenn man denn die Zeit hat. Mein Babymann ist nun 10Monate. Ende des 11Monats bin ich über ein Wochenende weg(ja, das muss sein..) und kurz vor dem 1.Geburtstag ist die Hochzeit meiner Schwester, wo er dann nachts bei seinem Patenonkel schläft! Also: es muss nun schnell gehen! Und das ärgert mich selbst so. Dieser blöde Druck. Und dann fühlt man sich plötzlich so hilflos und weiß gar nicht wo anfangen...ich bin dankbar um die Unterstützung meiner Hebamme (und um solche Berichte, die Mut machen, dass der kleine es mir nicht übel nehmen wird..) sonst würde ich das nicht schaffen! Bzw wüsste nicht wie!
    Danke!