Geburtsbericht der lieben Queen @queen_of_village

Was ist es? Was ist es? – Äh, ein Alien

Warum Mütter ehrlich sein dürfen und Liebe wachsen darf

 

Nöö, Leute, also nö. Hier nicht so mit „Aaawwww!“ Ich gehörte keineswegs zu den Müttern, die über das glibschige Etwas, das ihr auf den Bauch geklatscht wurde, glückselig und voller Liebe in Tränen ausgebrochen ist. Bei beiden Geburten nicht...
Schwanger zu sein, fand ich kacke. Vor allem die zweite Schwangerschaft hatte mir alles abverlangt. Immer wieder Wehen ab der 12. Woche, geöffneter Muttermund ab der 30., eine Laune zum Töten, 30 Kilogramm Übergewicht und dazu eine Schwangerschaftsallergie: blutig gekratzte Arme und Beine. Einen Tag nach Nr.2s errechnetem Entbindungstermin hatte ich endgültig die Schnauze voll. Und da Sperma ja nachweislich wehenfördernd ist, musste Mr. Queen morgens ran. Anderthalb Stunden später, um 9:30 Uhr, dann tatsächlich: richtige Wehen. Direkt alle drei Minuten. Coole Sache. Das Ding rocke ich in zwei Stunden runter. Dachte ich, voller Vorfreude. Die Geburt von Nr.1 war nämlich ein ziemlicher Spaziergang.
Und da die nachfolgenden ja noch fixer und problemloser gehen sollen, hatte ich tatsächlich richtig Bock auf die zweite Geburt.
Klar tat’s bei Nr.1 scheißenweh. Du erbrichst vor Schmerzen. Und jeder der Anwesenden geht dir tierisch aufn Sack #neinichwillKEINEverdammteSteißbeinmassage #lügnichtichsterbewohl! Aber nach
nur sechs Stunden und einer einzigen Presswehe war’s um genau 00.00 Uhr überstanden. „Ihre Tochter hat bereits einen Zahn. Sie ist ein sogenanntes Hexenmädchen. Und dann auch noch Mitternacht bei Gewitter geboren. Das ist eine absolute Sensation, und irgendwie gruselig.“ Ja, voll gruselig. Ich war kurz davor, die Bild-Zeitung anzurufen und danach nach der nächsten Babyklappe zu fragen.
Und dann lag ich zwei Jahre später wieder da. Jedoch leider nix mit fix. Es wurde
Mittag. Dann Nachmittag. Früher Abend. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte nicht mehr.
Die Schmerzen brachten mich um. Aber ich wollte – wie bei der ersten Geburt –
keine PDA. Ich wollte das alles pur und echt und mit jedem Gefühl erleben. Und mich
übrigens rund 15 Mal von Mr. Queen scheiden lassen. Einfach so. Weil er da stand.
Oder saß. Oder atmete.
Gegen 19:00 Uhr hörten die Wehen plötzlich auf. Ein Geschenk des Himmels für mich. Ich döste weg. Und wachte auf, als um mich rum Hektik ausbrach. „Hey“, wollte ich rufen, „ganz ruhig, es ist noch nie eins dringeblieben.“ Dazu kam ich aber nicht. „Die Herztöne gehen zu hoch“, brüllte irgendwer. „Wir müssen Sie an den Wehentropf hängen.“ „Nur über meine Leiche!“ „Nein, so lange können wir nicht warten.“
Bis dahin dachte ich noch, dass es keine schlimmeren Schmerzen als Wehen gibt.
Doch dann kamen die künstlichen Wehen. Die kann ich nicht beschreiben. Nicht, weil ich sie vergessen hätte. Nein. So ’ne Hölle vergisst man niemals in seinem Leben.
Es gibt nur leider keine Worte, die auch nur annähernd ausdrücken könnten, was ich da durchgemacht habe. Bis morgens 4:20 Uhr künstliche Wehen ohne jegliche Schmerzmittel. Ich wusste, ich sterbe.
Ich starb aber nicht. Stattdessen presste ich Stunden später endlich den Kopf meiner zweiten Tochter raus. Und die stahl ihrer Hexenschwester komplett die Show. Denn obwohl ihr Körper noch in mir steckte, drehte sie ihren Kopf hin und her und fing sofort an zu schreien. #eslebteslebt! #jaaberbittedochnochnichtJETZT! Es war widerlich. Es fühlte sich nicht nach Baby an, sondern nach Alien. #kannichesnochumtauschen? Natürlich wusste ich, dass ich diesen Alien mal unbändig lieben werde. Davon war ich in dem Moment aber noch meilenweit entfernt. Mein Beschützerinstinkt war sofort da. Und Staunen, Ehrfurcht. Aber Liebe? Empfand ich unmittelbar nach den Geburten beider Kinder nicht. Die Liebe musste wachsen. In den nächsten Stunden und Tagen.
Das machte mir lange Zeit ein schlechtes Gewissen. War ich als Mutter ein Versager? Hätte ich nicht voller Glück und Liebe in Tränen ausbrechen müssen? So wie es alle anderen immer schildern? Nein. Musste ich nicht. Muss niemand. Heute weiß ich, dass es unfassbar vielen Frauen nach der Geburt so geht. Und es gibt so viele Gründe, warum keine auf-Knopfdruck- Liebe zu spüren ist; Überforderung, Hormon-Chaos, Geburtstraumata, Angst, absolute physische und psychische Erschöpfung. Es trauen sich aber leider nur wenige, dies zuzugeben. Das ist Schade. Es macht nämlich niemanden zu einer schlechteren Mutter. Höchstens zu einer ehrlicheren. Liebe darf nicht nur in Beziehungen wachsen, sondern auch gegenüber den eigenen Kindern.
Bereits nach einigen Stunden konnte ich mir ein Leben ohne Hexe und Alien nicht mehr vorstellen. Sie gehörten zu mir. Sie waren perfekt. Und ich wollte sie beide nie wieder hergeben. ...außer heutzutage manchmal, 15 und 13 Jahre später.
#passenTeenagerinBabyklappen?

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Kommentare: 8
  • #1

    Hanna (Freitag, 07 Oktober 2016 07:59)

    Ich danke dir für diese ehrlichen Worte!

  • #2

    Klaudia (Freitag, 07 Oktober 2016 08:15)

    Danke Danke Danke! Endlich mal ehrlich und realistisch.

  • #3

    DORLE (Freitag, 07 Oktober 2016 08:24)

    Danke für Deinen Beitrag!! Das tut gut!

  • #4

    Anna (Freitag, 07 Oktober 2016 08:46)

    Endlich eine,die es sich traut zu sagen! Mir gings genauso!

  • #5

    Katrin (Freitag, 07 Oktober 2016 09:14)

    Toller Bericht! Ist zwar "nich lustich", aber ich musste ein paar Mal herzhaft lachen! "Nur über meine Leiche. Nein, so lange können wir nicht warten!" :-D Ich habe wahnsinnig viel von der Geburt meines kleinen Spatzen vor 10 Wochen wiedererkannt! Über die haben mein Mann und ich übrigens auch jeweils einen Bericht geschrieben, falls du mal reinschauen willst :-) VG Katrin

  • #6

    Andrea (Freitag, 07 Oktober 2016 14:07)

    Genial beschrieben ,so ist die Wirklichkeit .

  • #7

    Sternchenliebe2.0 (Samstag, 08 Oktober 2016 00:39)

    Ich liebe ja Geburtsberichte

  • #8

    Silke (Freitag, 14 Oktober 2016 18:34)

    Danke das ich nicht die Einzigste war, die ihr Neugeborenes nicht sofort vergöttert hat. Meinen 2. Sohn wollte ich direkt nach der Geburt nicht anschauen. Ich war einfach am Ende. Dafür liebe ich ihn heute umso mehr und hab auch nach 8 Jahren an und zu noch immer ein schlechtes Gewissen.