Ängste in der Schwangerschaft

Es ist Mittwoch morgen. Ich sitze mit meinen zwei Kindern am Frühstückstisch.Da ertönt laut eine Sirene durchs offene Fenster. Ein RTW fährt mit Blaulicht aus unserer Straße.

Mir wird erst kalt und dann heiß. Ich höre wieder seine Stimme. Es ist ein Donnerstag, im Juni letzten Jahres. Der Rettungssanitäter fragt: “Sondersignal?“ „Ja klar, sagt der Notarzt, es geht auch um das Leben des Babys. Los jetzt! “

 

Im Juni 2015 war ich mit meinem zweiten Kind schwanger. Ida war zu diesem Zeitpunkt 11 Monate alt. An diesem Donnerstag schien die Sonne und es war angenehm warm. Gegen neun weckte mich die kleine und wir gingen zusammen duschen. Ich fütterte sie und setzte sie zum Spielen in ihr Ställchen. Nahm mir eine Tasse Kaffee und setzte mich auf die Couch. In diesem Moment stolperte mein Herz und ich musste Husten. Sofort hämmerte es wie verrückt. Ich schlug mir auf die Brust und hustete noch mal stark. Aber es blieb. Ich schaute auf die Uhr und zählte 240 Schläge. Was war das denn? Wenn mein Herz so schnell schlägt, bekomm ich dann genug Sauerstoff? Bekommt dann mein Baby im Bauch genug Sauerstoff? Life bevor Limb. Ich wurde unruhig und rief meinen Mann an. Nicht zu erreichen. Meine Mama.  Meine Geschwister glaub ich auch. Niemand ging an sein Handy.  Dann wurde mir schwindelig. Was wenn ich jetzt umkippe. Was ist mit der Kleinen? Würde mich jemand finden? Wahrscheinlich erst heute Abend, wenn mein Mann Heim kommt. Ich bekam Panik und wählte die 19222. Und drückte sie wieder weg. Nein, oh Gott. Wenn ich da anrufe gibt es kein Zurück mehr. Diese Kette, einmal ins Rollen gebracht, kann ich nicht mehr stoppen. Doch dann dachte ich wieder an mein Ungeborenes und dass es vielleicht gerade unterversorgt ist und jede Minute die ich Hilfe hinauszögere dem Kind massiv schadet. Ich rief an. Keine 3 Minuten später standen fünf fremde Menschen in meinem Wohnzimmer um mich rum und verkabelten mich, legten mir Zugänge und bombardierten mich mit Fragen. „Wie weit sind Sie. Wo ist ihr Mutterpass. Haben sie einen Maxi cosi. Haben sie mal Druckausgleich probiert. Wo ist ihr Eisfach…“ Meine kleine Tochter saß immer noch lieb im Laufstall und schaute nur zu. Mein Hund drehte vollkommen am Rad. Er wusste nicht wen er, wie zuerst beschützen sollte. Wir probierten alles aus. Valsalva Maneuver, Eiswasser trinken, Karotismassage. Mein Herz wollte nicht zurückspringen in den Sinus Rhythmus. „ Wir nehmen Sie jetzt mit.“ „Okay, dann brauch ich bitte die Wickeltasche, ein Mittags Gläschen, die Trinkflasche und den Maxicosi.“ Ein mir völlig unbekannter junger Mann nahm mein Baby hoch und schnallte es im Autositz an. Und ging, mit ihr weg. Ich wurde auf die Trage geschnallt und rausgefahren. Ich hatte schon viel mitgemacht. Aber das war echt außergewöhnlich. Ich war vollkommen außer mir vor Sorge um das ungeborene aber äußerlich ruhig und konzentriert. Ich wusste es geht hier um was. Dazu musste ich mich gar nicht erst ermahnen. Ich war absolut Profi und redete mit den Sanitätern und dem Notarzt als wären wir gerade Kollegen. Ich gab Anweisungen als hätte ich hier auch was zu sagen. Als ich aus dem Haus getragen wurde sah ich meine Mama mit ihrem Hund um die Ecke kommen. Dann passierte alles gleichzeitig. Sie sah den Krankenwagen vor unserem Haus, die vielen uniformierten Menschen, ihr Kind auf der Trage und fing sofort an zu schreien. Meine konzentrierte Ruhe in brenzligen Situationen hatte ich eindeutig nicht von ihr geerbt. Bevor überhaupt irgendwer was sagen konnte schrie ich sie barsch an:“ Mama, reiß dich zusammen. Ich brauche dich jetzt!“ Und sie schüttelt den Kopf und sagte ruhig:“ alles klar. Was soll ich tun.“ Ich: „Nimm bitte Ida zu dir und den Hund. Gefrühstückt hat sie. Mittagessen ist in der Wickeltasche. Und ruf Luke an.“  Sie: „Ja natürlich.“ Mama nahm die Kleine an sich und wandte sich dann an den Notarzt, wieder etwas lauter: Was ist denn überhaupt, was ist mit meinem Kind?“ Während ich in den RTW geschoben wurde erklärten sie ihr, dass mein Herz viel zu schnell schlagen würde und man jetzt schnell ins Krankenhaus müsste. Mein großes Kind war in Sicherheit.  Die Krankenwagentür war noch nicht richtig zu, da brach es in mir hervor. Ich weinte hemmungslos. Vor Erleichterung einerseits dass die kleine versorgt ist, dass sie nicht zuschaut, dass sie nicht mitbekommen muss was hier läuft, und ich weinte vor Angst. Nackte, echte Angst. Um mein Kind in meinem Bauch.  Der Sani schaut in den Rettungswagen:“ Fahren wir mit Sondersignal?“ „Ja klar“, sagte der Notarzt,“ es geht auch um das Leben des Babys.“  Die Türen knallten zu und wir fuhren los. Ein paar Minuten später waren wir in der Notaufnahme. Ich wurde an einen Monitor angeschlossen und das wars erstmal. Die Übergabe fand draußen statt. Die Schwester hatten zu tun. Durch die Infusion musste ich so dringend auf die Toilette. Aber es hatte keiner Zeit und aufstehen durfte ich nicht. Als der Gyn Oberarzt reinschaute zwang ich ihn mich zu befreien und ging auf die Toilette. Er wollte ein CTG und einen Ultraschall und lies mich deswegen aus der überfüllten Notaufnahme in den leeren Kreißsaal bringen. Mir sollte es recht sein. Dort lernte ich dann auch den Internistischen Oberarzt kennen. Ich lag also 11 Monate nach der Geburt meiner Großen wieder auf genau diesem  gutbekannten Kreisbett und hörte staunend den zwei Jungen Herren beim Diskutieren zu. Der Internist hatte bereits einen Plan. Ich zitiere:“ wir werden ihr Herz unter Reanimationsbereitschaft stoppen und dann direkt wieder anlaufen lassen. Dann müsste es wieder normal schlagen.

Ganz ehrlich, Leute. Selbst wenn ich unschwanger gewesen wäre, hätte mich dieser Satz beunruhigt. Der Gyn wiedersprach. Nicht hier , nicht durch uns und nicht ohne Kinderklinik im Haus falls was schief geht. Ich hätte am liebsten gesagt: „hallo, ich bin auch hier. Ich kann Sie hören.“  Da ging die Tür auf und mein Mann kam rein. Zum Zweiten Mal an diesem Tag brach etwas in mir los. Luke ist da. Jetzt wird alles gut. Kurz darauf kam auch mein Papa. Und zu dritt warteten wir gespannt auf die Entscheidung der zwei unterschiedlichen Fachabteilungen. Dem Kind ging es laut CTG gut. Ich bekam wieder eine Karotis Massage, dazu saß der Oberarzt hinter mir und massierte mit leichtem Druck meine Hals Gefäße. Fühlt sich ein bisschen wie ersticken an. Aber ganz langsam. Mir wurde oft schwindelig bis zur Übelkeit. Der Puls normalisierte sich ohne medikamentöse Intervention nach drei Stunden. Ich kam auf Station und sollte da bleiben. Um 19Uhr stolperte mein Herz wieder und raste los. Diesmal reagierte ich sofort mit einem langen Valsalva, so fest ich konnte. Ich hielt mir die Nase zu und presste dagegen, wie beim Druckausgleich. Der Herzschlag normalisierte sich wieder. Ich klingelte und gab der Schwester Bescheid. Mein Fall wurde neu besprochen und ich sollte in eine größere Klinik mit großer Kinderklinik verlegt werden. Der Krankenwagen kam und holte mich 10 Minuten später ab.Das Foto machte ich für meine Familie."Macht euch keine Sorgen. Es geht uns gut", tippte ich in mein Handy und drückte auf senden.

Nach 20 Minuten Fahrt kamen wir in der zweiten Notaufnahme für diesen Donnerstag an. Und die war noch voller.  Die Übergabe fand noch auf der RTW Trage statt. Ich solle da hinten umgelagert werden. Eben noch angebliche dringende Verlegung unter Monitoring (das heißt mein Blutdruck, Puls und EKG wurden ständig überwacht), lag ich nun hinter einen Sichtschutz und hatte noch nicht mal eine Klingel. Es war acht Uhr.

Nachts um zwei kam ein Arzt und verstand nicht warum man mich verlegt hatte. Und das sagte er auch genauso. Warum ich überhaupt im Krankenhaus bin. Er regte sich über die Docs im Wald und Wiesen Spital auf und ließ mich auf Station bringen. Ich kam in ein Zweibettzimmer zu einer älteren Dame die nach einer  Lungenembolie vor sich hin blubberte. Schlafen konnte ich kaum. Am nächsten Tag wurde ein Echo gemacht und nochmal Blut abgenommen. Ich bekam einen kleinen Herzfehler attestiert und eine OP Empfehlung ausgesprochen. Und durfte nach dem Mittagessen gehen.

 

Was ich hatte, haben sehr viele und ist nichts Bedrohliches. Es nennt sich AV Reentry Tachykardie und kann mittels Adenosin Spritze gut behandelt werden. Ich hatte solche Herzrhythmusstörungen immer mal wieder. Aber sie gingen auch immer direkt wieder  ohne Intervention weg. Und ich war auch nie schwanger währenddessen.
Nächstes Jahr habe ich fest vor den kleinen Eingriff am Herzen vornehmen zu lassen um  bei einer erneuten Schwangerschaft das nicht nochmal erleben zu müssen. Seit diesem Donnerstag hatte ich die Tachykardie noch drei  Mal. Ich bekam sie immer selbst weg. Hoffen wir dass es bis zur OP so bleibt.

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Kommentare: 8
  • #1

    Readmorethatmakesyouhappy (Mittwoch, 21 September 2016 12:33)

    Gott sei dank ist alles nochmal gut ausgegangen!
    Da warst du bestimmt beim 2.Mal in WO oder? Die sind ja bekannt für ihre miserable Notaufnahme und grobschlächtigen Ärzte.

    Sehr spannend geschrieben!

  • #2

    Ramona (Mittwoch, 21 September 2016 12:58)

    Ich war gefesselt bis zum letzten Wort! Gut geschrieben! Gut das alles gut ausgegangen ist!

  • #3

    Ketstin (Mittwoch, 21 September 2016 13:02)

    Ach wie schön die immer schreibst- bei nimm Ida und den Hund- musste Ich schon weinen

  • #4

    sternchenliebe (Mittwoch, 21 September 2016 14:03)

    Das ging mir grad beim Lesen auch richtig unter die Haut. Nicht auszudenken wenn dieser eine Arzt Dein Herz umher Reanimationsmaßnahmen kurz gestoppt hätte... Wahnsinn echt!!!

  • #5

    Yasemin (Mittwoch, 21 September 2016 17:43)

    Ich musste weinen :-((( toll geschrieben, aber ich hätte genauso gedacht "was ist mit meinem Kind? Wer passt auf ida auf?"

  • #6

    miss_klickerklacker (Mittwoch, 28 September 2016 19:45)

    Wow! Jetzt muss ich mich setzen.
    Du vermittelst so eine Stärke und eine innere Kraft und obwohl du die Betroffene bist, beruhigst du durch deine Klarheit deine Mitmenschen. Ich ziehe tief meinen Hut!

  • #7

    Anne (Dienstag, 11 Oktober 2016 15:36)

    Meine Güte, was ein Horror

  • #8

    Steffi (Dienstag, 21 Februar 2017 19:25)

    Oh wie krass, ich hatte es auch während der Schwangerschaft und zweimal danach ! Mein Mann und die Klinik hat es als Einbildung abgetan, und ich bekam jewals eine Beruhigungsspritze �Ich werde mich wohl etwas mehr mit dem Thema beschäftigen . Danke für den tollen Beitrag und schön das es dir / euch nichts passiert ist . Lg